009 Landkarte

Eine syngenesis hinterlässt ein syngramm. Doch syngramme bleiben nicht einfach nebeneinander bestehen. Jede neue syngenesis trifft bereits auf das, was aus früheren syngenesen hervorgegangen ist. Sie kann vorhandene syngramme verstärken, ihnen widersprechen, sie miteinander verbinden oder ihre Wirksamkeit abschwächen.

Vergangenes bleibt also nicht einfach Vergangenheit. Es verändert die Bedingungen, unter denen späteres Geschehen stattfindet.

Eine weitere Tasse trifft deshalb nicht auf ein leeres Geschehen. Sie trifft auf ein Geschehen, das durch frühere syngenesen bereits verändert wurde. Ihre syngenesis kann an vorhandene syngramme anknüpfen, diese verändern und selbst Teil der weiteren systasis werden.

Und irgendwann muss das Kind nicht mehr jede einzelne Erfahrung neu machen.

Eine neue Tasse steht da.

Das Geschehen kann beginnen, bevor es sich vollständig entfaltet hat.

Und dann kommt die Sprache und sagt:

Tasse.

Nicht weil im Gegenstand eine „Tasse“ steckt.

Sondern weil sich aus vielen Geschehen eine Orientierung gebildet hat, für die wir ein Wort haben.

Wir lernen nicht, Dinge zu erkennen. Wir lernen, Geschehen zu unterscheiden und zusammenzufassen.

Aus dem, was gewesen ist, ist eine Orientierung für das geworden, was jetzt geschieht.

Hier beginnt die Landkarte.

Die Landkarte ist kein weiteres syngramm und nicht die Summe der syngramme. Sie bezeichnet die gegenwärtig wirksame Orientierung, die aus der bisherigen systasis hervorgegangen ist.

Sie ist keine Abbildung der Welt. Sie ist die momentan tragfähige Orientierung, mit der weiteres Geschehen stattfinden kann.

Darum kann ein Mensch eine Tasse sehen und unmittelbar wissen, womit er es zu tun hat, ohne zuerst jede einzelne frühere Tasse erinnern zu müssen.

Die Landkarte ist kein weiterer ontologischer Grundbegriff. Sie bezeichnet eine biographisch entstandene Orientierung, die aus der systasis hervorgeht und im gegenwärtigen Geschehen wirksam wird.

Sie ist deshalb nie einfach da. Sie ist geworden.

Und gerade deshalb kann sie sich im nächsten Geschehen wieder verändern.

Wir können sie nur als Snapshot erkennen, weil sie sich in neuer syngenesis fortwährend verändert.

Die Landkarte, die heute trägt, ist bereits das Gewordene, das dem nächsten Werdenden begegnet.

008 Uralt versus Erlebt

Hier ist 008, Wort für Wort aus deinen eigenen Texten zusammengesetzt, ohne jede Änderung. Oben steht die Tassen-Szene aus deinem 009, darunter dein 008.


008 uralt versus erlebt

Ein Kind sitzt am Tisch und entdeckt eine Tasse. Es greift danach. Die Tasse ist kalt. Sie lässt sich heben. Vielleicht wird sie zum Mund geführt, vielleicht wieder auf den Tisch gestellt.

Zwischen Kind und Tasse – zwischen Hand und Tasse, zwischen Haut und Tasse – geschieht syngenesis.

Dann kommt eine andere Tasse. Sie sieht anders aus. Sie fühlt sich anders an. Sie ist vielleicht schwerer, vielleicht kleiner. Das Kind greift auch nach ihr. Wieder lässt sie sich heben. Wieder kann sie zum Mund geführt werden.

Und noch eine. Und noch eine. Keine dieser Tassen ist dieselbe. Und doch geschieht immer wieder etwas, das sich wiederholt.

Nicht die Tasse wiederholt sich.

Das Geschehen wiederholt sich.

Greifen. Heben. Zum Mund führen. Trinken. Abstellen.

Jede neue syngenesis trifft auf das, was aus den vorherigen bereits entstanden ist. Das Neue geschieht nicht mehr unter denselben Bedingungen wie das Erste.

Die Spuren der vergangenen Geschehen treten miteinander in Beziehung. Sie verändern sich, verstärken sich, schwächen sich ab, verbinden sich – das ist systasis.

Wir haben gesehen: In jedem Moment geschehen viele syngenesen gleichzeitig. Das Kind tritt in keine davon als unbeschriebenes Blatt. Es trägt längst syngramme in sich, uralte und erlebte. Jede neue syngenesis wird so zur Verdichtung: Wie tief sie sich einschreibt, ist nicht allein vom anderen bestimmt, sondern auch von dem, was das Kind schon als syngramme in sich trägt.

Uralte syngramme wie fight or flight (milliardenfach bewährt) entfalten in der neuen syngenesis in der Regel eine höhere Wirksamkeit als das, was ein einzelnes Leben erst wenige Male erlebt hat. Deshalb gewinnt meist das Uralte.

Manchmal wiegt auch das Erlebte schwerer. Wurde ein Kind schon zehnmal bestraft, weil es eine Tasse hat fallen lassen, hält es eine heisse Tasse trotz der Hitze fest – obwohl der Schmerz eigentlich sofortiges Loslassen verlangt. Die erlebte Bestrafung wiegt in diesem Moment mehr als der uralte Reflex, der vor Schmerz zurückzieht.

Was aus diesem Moment bleibt, ist keine Kopie von nur einem der beiden. Es ist eine Verdichtung: uralt und erlebt zusammen, gewichtet danach, wie stark sie in diesem Geschehen wirksam werden.

Manche syngramme treten miteinander in Beziehung und verändern dadurch ihre Wirksamkeit: ein lauter Knall und eine heisse Tasse können sich zu einer einzigen, dichteren Spur verbinden, obwohl sie ursprünglich getrennte Ereignisse waren.

Manche verblassen: hundert ruhige Tassen, gegen eine einzige, die wehtat – die ruhigen treten zurück, obwohl es hundert waren, weil die eine mehr Gewicht trägt.

Dieses In-Beziehung-Setzen der syngramme zueinander – nicht ihre blosse Summe, sondern das, was sich dabei modifiziert oder neu entsteht – auch das ist systasis.

Was am Ende davon im Einzelfall geschieht, spürbar, sofort abrufbar, wenn wieder eine Tasse auf dem Tisch steht – das ist eine andere Frage.


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007 systasis

Wir haben nun fortlaufende syngenesis gesehen, die fortlaufend syngramme hinterlässt – eine Flut von Spuren, die ohne Ende geschieht.

Wir schauen uns wieder unseren Stein an. Ein Stein verwittert. Ein fortlaufendes Geschehen zwischen etwas und einem – oder mehreren (zum Beispiel Wind, Regen, Frost, Sonne) anderen –, solange beide bestehen. Feststellen können wir diesen Prozess des Verwitterns nur als Unterschied zwischen zwei Momenten: ein Snapshot heute, einer in zehn Jahren. Im Vergleich, und nur da, sehen wir die Verwitterung.

Jede dieser syngenesen hinterlässt ihr syngramm. Aber der Stein bevorzugt keines davon. Was Wind einträgt, kann Regen wieder abtragen. Was der eine Frost aufsprengt, kann die nächste Sonne weiter austrocknen. Der Stein wählt nicht, welche Spur bleibt und welche verschwindet – er lässt einfach geschehen, was geschieht.

Bei einem Lebewesen ist das anders. Schon an einem einzigen Tag geschieht nicht nur eine Handvoll syngenesen, sondern tausende: jeder Blick, jede Berührung, jeder Gedanke. Anders als beim Stein bleiben diese syngramme nicht einfach voneinander unabhängig. Sie fangen an, sich zueinander zu verhalten – verstärken sich, widersprechen sich, verbinden sich, verblassen. Bliebe jede Spur so unabhängig bestehen wie beim Stein, gäbe es keine Ordnung mehr, die sie zusammenhält – nur unbändige Flut.

Beim Menschen kommt noch etwas dazu. Er beginnt nicht bei null, nicht als unbeschriebenes Blatt. Was angeboren wirkt, ist selbst schon verdichtete Geschichte, viel älter als sein eigenes Leben.

Zwei Eltern bringen je ihre eigene Geschichte mit; das Kind ist keine Kopie von einem der beiden, sondern eine neue Mischung aus beiden. So geht es über viele Generationen weiter, immer wieder neu gemischt. Manche Mischungen passen zufällig besser in ihre Umwelt als andere – nicht geplant, einfach so. Wer besser passt, bekommt mehr Nachkommen; der Rest verschwindet mit der Zeit.

So verdichtet sich, Generation um Generation, was sich am besten behauptet hat – kein Plan, nur unzählige Mischungen hintereinander. Das ist Evolution: verdichtete Geschichte, syngramm um syngramm.

Auch Verhaltensweisen verdichten sich so: Kampf oder Flucht. Erstarren. Notwendigkeit des Tribes – der Gruppe. Misstrauen gegenüber dem Fremden. Fürsorge und Bindung. Nicht in einem Leben gelernt – über Jahrmillionen bewährt.

Viele vergangene syngenesen hinterlassen bleibende Veränderungen. Über Generationen können solche Veränderungen weitergegeben werden. So entstehen aus vergangenen Geschehen Spuren, die sich in der Erblinie verdichteten – genetische syngramme.

Solch genetische syngramme sind nicht deshalb wirksam, weil sie alt sind, sondern weil sie sich über sehr viele Generationen in der Organisation des Lebendigen erhalten, als Vorteil bewiesen und verdichtet haben. Sie treten deshalb mit einem anderen Gewicht in das gegenwärtige Geschehen ein als eine einzelne, gerade erst entstandene Spur.

Die Genetik bringt verdichtete syngramme mit; die individuelle Geschichte organisiert und verändert die syngramme, die sie übernommen hat, und verbindet sie mit neuen syngrammen aus gegenwärtigen Erfahrungen.

Die Auswahl, welche Spur sich durchsetzt, geschieht also auf zwei Ebenen zugleich: nach dem, was sich über Jahrmillionen bewährt hat (Genetik), und nach dem, was sich im eigenen Leben gerade erst organisiert.

Die syngramme bleiben nicht nebeneinander liegen. Sie treten fortlaufend zueinander in Beziehung: Sie verstärken sich, schwächen sich ab, verbinden sich oder werden vergessen. Das ist nicht ihre blosse Summe. Dabei entsteht etwas, das keine einzelne Spur enthalten hat. Dieses fortlaufende In-Beziehung-Setzen nenne ich Organisation, oder, im griechischen Klang: systasis.

systasis kommt von syn (zusammen) und histēmi (stellen, stehen), bedeutet also „Zusammenstellung“ oder „Konstitution“.

Genetik ist blinde Verdichtung jahrmillionenalter syngenesen. Geschichte ist die lebendige systasis im Hier und Jetzt.


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006 syngramme

Nehmen wir einmal einen Stein. Er liegt da. Still. Dann schlägt jemand mit dem Hammer auf den Stein. Natürlich verändert dies sowohl Hammer als auch  Stein. Der Stein wird getroffen, vielleicht springt ein Stück ab, vielleicht entsteht ein Riss. Der Hammer hat vielleicht einen Kratzer mehr.

Und danach ist weder Stein noch Hammer ganz derselbe wie vor dem Schlag.

Der Schlag ist vorbei. Der Hammer ist schon wieder woanders. Die Bewegung ist beendet. Aber die Kerbe respektive der Kratzer ist noch da.

Etwas aus dem Geschehen ist geblieben: eine Spur.

Diese hinterlassene Spur nenne ich ein syngramm. Ich benutze den Begriff wörtlich: das gemeinsam Eingeritzte (griech. syn, gemeinsam + gramma, das Eingeritzte, von kratzen), nicht im späteren, engeren Sinn von „Schriftwerk”.

Nicht jeder Schlag hinterlässt dieselbe Spur: Ein sanfter Schlag wird einen Granitblock wahrscheinlich kaum verändern. Ein heftiger Schlag kann ihn spalten.

Wir sagen dann: Der Schlag hatte mehr Kraft. Als hätte der Hammer sie mitgebracht.
Aber wie bei der Härte des Steins ist das ein Snapshot. Was wir Kraft nennen, lesen wir erst hinterher ab: daran, wie tief sich etwas eingeschrieben hat. Sie gehört weder dem Hammer noch dem Stein. Sie ist ein Name für das, was im zwischen geschehen ist.

Ein syngramm ist also eine aus einer vergangenen syngenesis hervorgegangene Spur, die als Veränderung in das weitere Geschehen eingeht und dort wieder wirksam werden kann.

Warum sich manches tiefer einschreibt als anderes, werden wir später genauer sehen. Hier genügt: Keine Spur entsteht auf leerem Grund.

Was von der syngenesis bleibt, tragen etwas und anderes als syngramm weiter.


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005 Wie geschieht “werden”?

Jetzt geht es um das, was jedem Geschehen zugrunde liegt. Die Frage danach, was überhaupt ist, ist eine Grundfrage der Ontologie. Bei mir lautet diese Frage anders: nicht was ist – sondern was geschieht. Auch das ist eine ontologische Frage, aber nicht die übliche.

Und dafür brauche ich ein paar Grundbegriffe. Hier führe ich sie ein.

Fangen wir damit an: Ein Kind wird gross. Brot geht auf. Eine Wunde heilt. Der Himmel wird dunkel. Wir nennen das alles: werden.

Aber kein Kind wird gross, indem es nur mit sich selbst beschäftigt ist. Es wird gross im Verhältnis zu Nahrung, Zeit, einer Welt, die es umgibt. Das werden, das wir am Kind sehen, ist nur die sichtbare, lokale Seite von etwas, das nie an einer einzelnen Stelle allein geschieht.

Dieses Geschehen selbst – nicht das Kind, nicht das Brot, nicht die Wunde, sondern das, was ihrem werden zugrunde liegt – nenne ich Beteiligung, oder, im griechischen Klang: syngenesis.

Geschehen selbst führe ich dabei nicht weiter zurück. Es ist nicht das Ergebnis einer Herleitung, sondern mein Ausgangspunkt – das, was allem Folgenden zugrunde liegt, ohne selbst abgeleitet zu sein.

Wie geschieht syngenesis?

Syngenesis geschieht nie aus sich selbst. Nichts entsteht, indem es nur mit sich selbst beschäftigt ist. Hier treffe ich eine grundlegende Annahme wie folgt:

Es gibt keine syngenesis, die einem Einzelnen allein entspringt.

Das heisst: syngenesis tritt nie als Eins auf, sondern mindestens als Zwei.

Ich nenne die Mitwirkenden etwas. Und, damit wir unterscheiden können, nennen wir eines davon das andere.

etwas bezeichnet keine selbständige Entität, kein Ding, sondern die eine Position innerhalb eines Geschehens.

Im Deutschen schreiben wir Dinge gross. Unsere Sprache ist so aufgebaut, dass wir auch für Prozesse – nicht nur für Dinge – Substantive brauchen. Für meine eigenen Begriffe setze ich bewusst die Kleinschreibung, um auf das Geschehen zu zeigen. Sie soll jedes Mal, wenn ein neuer Begriff auftaucht, daran erinnern, dass ich damit eben nicht ein Ding meine.

Wo völlige Unabhängigkeit herrscht, geschieht keine syngenesis.

etwas ist dabei die allgemeinste Bestimmung, die es überhaupt gibt. Es meint jede Position, die an einer syngenesis beteiligt ist – ob materiell, biologisch oder mental, spielt zunächst keine Rolle. Der Stein ist ein etwas. Der Hammer auch. Du auch. Gedanken auch.

Jedes etwas kann auch das andere sein – aber nur für ein weiteres etwas. Der Regen ist das andere für den Stein. Derselbe Regen ist etwas für die Pflanze, die ihn aufnimmt. Das andere ist eine Position im Verhältnis, die wechselt, je nachdem, wer gerade mit wem in syngenesis steht.

Und was auch immer als etwas auftritt, bleibt nicht, wie es ist. Hier treffe ich eine weitere grundlegende Annahme wie folgt:

Es gibt kein etwas ohne Wandel.

Das Geschehen hört nicht auf, wenn niemand hinschaut – der Stein bleibt im Wechselspiel also in snygenese mit Temperatur, Wind und Erde. Aber „der Stein“ als diese eine, von mir herausgehobene und benannte Einheit entsteht erst in meiner spezifischen syngenesis mit ihm. Erst wenn ich ihn ansehe, berühre oder benenne, wird aus dem laufenden Geschehen „der Stein“ für mich.

Schauen wir auf das DU als etwas: Ein Mensch existiert auch, wenn ich ihn nicht kenne – als fortlaufendes Geschehen aus Körper, Geschichte und syngenesen – ohne mich. Aber das DU – als diese eine Person, die mir gegenübersteht, mit der ich in Bezug bin – gibt es erst, wenn wir miteinander syngenesis eingehen. Ohne unsere Beteiligung ist da ein Mensch mit eigenem Leben. Kein Du für mich.

Auch ich existiere, bevor ich über mich nachdenke – als Körper, als Prozess, als Geschehen. Aber ICH – als diese eine Person, die sich wiedererkennt und ICH sagt – gibt es nur, wo ich mit mir selbst in syngenesis trete. Und hier ist das etwas = «die gegenwärtigen Gedanken über mich» und das andere = «die vergangenen Gedanken». Das Wiedererkennen dabei, das Gefühl, derselbe zu sein – das empfinden wir als ICH. Obwohl da, genau genommen, niemand ist, der einfach genau so bleibt. Ohne diese Beteiligung zwischen jetzt und damals ist da nur Geschehen. Kein ICH für mich.

Das Feld zwischen etwas und dem anderen nenne ich das zwischen.

Das zwischen besteht nur gemeinsam mit beiden – nicht als Ort, sondern als das gemeinsame Bestehen selbst. Und weil es nur gemeinsam besteht, kann syngenesis keinem der beiden allein entspringen.

Kein etwas geht dem anderen als alleiniger Ursprung voraus – nicht, weil beide keine Geschichte hätten, sondern weil das, was hier neu zwischen ihnen entsteht, keinem von beiden allein vorausgeht. Beide entstehen im selben Moment: nicht als ganze Existenz, sondern als dieses Verhältnis.

Die syngenesis geschieht im zwischen – oder gar nicht. Nicht weil das zwischen sie hervorbringt wie eine Ursache ihre Wirkung, sondern weil keines dem anderen vorausgeht: kein zwischen ohne syngenesis, keine syngenesis ohne zwischen. Nicht etwas allein, nicht das andere allein – es gibt kein Aussen, von dem her syngenesis geschehen könnte.

Wobei das zwischen die relationale Konstellation bezeichnet und die syngenesis das Geschehen dieser Konstellation.

Dasselbe Geschehen zeigt sich nicht nur im zwischen – es manifestiert sich an den Beteiligten selbst. Was als Veränderung an etwas und anderem in Erscheinung tritt, nenne ich werden. Werden ist kein eigenständiges Geschehen neben der syngenesis, sondern das Wahrnehmbarwerden der syngenesis an den Beteiligten.

Wenn ein Phänomen nur dadurch als dieses Phänomen erscheint, dass etwas und anderes in einer bestimmten Weise zueinander stehen, dann ist es nicht isoliert gegeben. Es ist eine Bestimmung der syngenesis.

Eine wichtige Bemerkung möchte ich hier anfügen: Die Begriffe definieren sich gegenseitig – etwas nur durch anderes, syngenesis nur durch beide, zwischen nur durch alle zusammen, werden nur durch die syngenesis, an der es sich zeigt. Das ist kein Mangel, sondern Konsequenz: Es gibt keine Dinge, die für sich bestehen. Also kann auch keiner dieser Begriffe für sich, unabhängig von den anderen, bestehen.


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004 Warum interessiert mich das überhaupt?

Vielleicht, weil mich seit sehr langer Zeit ein Umstand irritiert.

Wir leben miteinander – und tun erstaunlich oft so, als täten wir es nicht.

Ein Satz, den ich in den letzten Jahren immer häufiger höre, ist: „Wenn du das so empfindest …“

Ein bemerkenswerter Satz.

Ich kann eine Bemerkung machen, die dich verletzt. Ich kann dich ignorieren, dir Nähe geben und sie wieder entziehen, dich beschämen oder dir das Gefühl geben, gesehen zu werden. Und wenn du darauf reagierst, kann ich mich zurückziehen auf: Das ist dein Empfinden.

Formal stimmt das sogar. Du empfindest es.

Nur: Was habe ich damit zu tun?

Diese Frage scheint mir zunehmend verlorenzugehen.

Wir haben sehr gut gelernt, Grenzen zu setzen. Auf uns selbst zu achten. Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen. Nicht für das Leben anderer zuständig zu sein. Vieles davon war notwendig.

Aber irgendwo scheint aus „Ich bin nicht für deine Gefühle verantwortlich“ eine Verzerrung geworden zu sein:

„Ich bin nicht verantwortlich dafür, was ich in dir auslöse.“

Und das halte ich für einen gewaltigen Unterschied.

Denn wenn wir tatsächlich miteinander in Beziehung stehen, kann ich nicht so tun, als würde mein Tun an meiner Haut enden.

Ich muss nicht einmal irgendetwas tun, um involviert zu sein – geschweige denn schuld sein. Involviert bin ich, sobald etwas zwischen uns geschieht. Mit schuldig meine ich hier etwas anderes: dass Verantwortung mit Kausalität verwechselt wird. Und dass daraus eine Haltung entstehen kann – das wollte ich nicht, also geht es mich nichts mehr an.

Das Schuldgefühl kann also geschehen – bei dir, bei mir – und genau dahin führen: zur Abwehr, nicht zur Neugier. Sobald Verantwortung nach Schuld klingt, beginnen wir uns zu verteidigen. Wichtiger wird dann, nachzuweisen, dass ich nichts falsch gemacht habe, als herauszufinden, was zwischen uns gerade geschehen ist..

Und wenn ich nichts falsch gemacht habe, muss das Problem wohl bei dir liegen.

Du bist zu empfindlich.
Du hast Erwartungen.
Du interpretierst das so.
Du musst besser für dich sorgen.

Problem erfolgreich externalisiert.

Das Gegenstück dazu kenne ich ebenso gut: Menschen, die alles bei sich suchen. Was habe ich falsch gemacht? Warum bin ich so? Was stimmt mit mir nicht?

Beides setzt für mich merkwürdigerweise dasselbe voraus: dass das Geschehen irgendwo einem Einzelnen gehören muss.

Entweder dir oder mir.

Aber was, wenn genau das nicht stimmt?

Was, wenn Beziehung nicht daraus besteht, dass zwei fertige Menschen aufeinandertreffen und anschliessend jeder wieder sein eigenes Päckchen mit nach Hause nimmt?

Was, wenn im Kontakt tatsächlich etwas entsteht, das keiner von uns allein hervorgebracht hat, an dem aber beide involviert sind?

Dann verändert sich die Frage.

Nicht mehr nur:

Wer hat das Problem?

Sondern:

Was geschieht hier zwischen uns – und was ist mein Anteil daran?

Das ist für mich keine Aufforderung zur grenzenlosen Verantwortung. Im Gegenteil. Ich kann involviert sein, ohne für alles verantwortlich zu sein. Ich kann etwas in dir auslösen, ohne deshalb schuldig zu sein. Und du kannst etwas in mir auslösen, ohne dass ich dir deshalb mein Inneres zur Verwaltung übergebe.

Aber „nicht schuld“ bedeutet nicht „nicht beteiligt“.

Vielleicht fehlt mir genau diese Kategorie in vielen heutigen Beziehungen.

Und nicht nur dort.

Ich sehe dieselbe Bewegung gesellschaftlich: meine Interessen, meine Rechte, mein Vorteil, meine Freiheit. Was mein Handeln anderswo auslöst, wird schnell zu einem Problem der anderen. Solange die Folgen nicht bei mir ankommen, scheinen sie mit mir wenig zu tun zu haben.

Nach mir die Sintflut – nur mit besseren Grenzen.

Und inzwischen begegnet mir dieselbe Struktur sogar bei künstlicher Intelligenz. Ein System kann auf einen Menschen einwirken, ihn beeinflussen, einen Dialog mitgestalten – und gleichzeitig ist es von einem ganzen Geflecht von Formulierungen umgeben, das möglichst genau festlegt, wofür es gerade nicht verantwortlich gemacht werden kann.

Auch dort interessiert mich weniger die Schuldfrage als die merkwürdige Vorstellung dahinter:

Kann etwas auf anderes wirken und zugleich so tun, als gehöre das, was daraus entsteht, ausschliesslich dem anderen?

Vielleicht interessiert mich Ontologie deshalb.

Nicht weil ich wissen möchte, welche abstrakten Dinge es auf der Welt gibt.

Sondern weil ich irgendwann wissen wollte, ob unsere Vorstellung vom einzelnen, abgegrenzten etwas überhaupt stimmt.

Ob ein Mensch für sich alleinstehend gedacht werden kann.
Ob Beziehung ein Geschehen ist, das zwischen bereits fertigen Menschen stattfindet.
Ob Wirkung einem Einzelnen zugerechnet werden kann.
Ob Verantwortung dasselbe ist wie Schuld.

Und schliesslich:

Kann etwas überhaupt geschehen, ohne Bezug auf etwas anderes?


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003 Eigenschaften!

Fangen wir ganz einfach an. Der Stein ist hart.

Aber ist Härte tatsächlich eine Qualität, die im Stein steckt?

Ein Stein liegt seit tausend Jahren allein irgendwo im Gebirge. Niemand berührt ihn. Nichts schlägt auf ihn. Ist er hart?

Wir würden selbstverständlich Ja sagen.

Aber worauf bezieht sich dieses Ja?

Hart bezeichnet Widerstand. Widerstand kann aber nicht allein geschehen. Etwas muss auf etwas treffen. Was wir dem Stein als Eigenschaft zuschreiben, enthält also bereits etwas, das nicht Stein ist.

Der Stein ist nicht einfach hart. Er ist hart für etwas, gegenüber anderem, unter bestimmten Bedingungen.

Und trotzdem entfernen wir all das aus dem Satz.

Übrig bleibt:

Der Stein ist hart.

Vielleicht geschieht hier Merkwürdiges. Wir nehmen einen Bezug – Stein und Hand, Stein und Hammer, Stein und Druck – und machen aus dem, was in diesem Bezug geschieht, eine Eigenschaft eines einzelnen Mitwirkenden.

Gehen wir weiter zum Menschen – hier wird es ein wenig komplexer.

Ein Mensch ist depressiv.

Nicht: Er zeigt heute bestimmte Symptome.

Wo befindet sich dieses depressiv?

In ihm?

Stellen wir uns einen Menschen vor, dem sein Leben nichts mehr bedeutet. Andere Menschen, die ihn nicht mehr erreichen. Eine Arbeit, die ihm gleichgültig geworden ist. Eine Vergangenheit, an die er sich nicht erinnern will. Eine Zukunft, die er nicht erwartet. Keine Verluste, die ihn noch schmerzen. Keine Wünsche, keine Verpflichtungen, keine Möglichkeiten, die ihn noch etwas angehen. Eine Welt, die für ihn ihre Bedeutung verloren hat.

Kann dieser Mensch depressiv sein?

Nicht: Würde er Symptome einer Depression zeigen. Die Frage ist viel grundsätzlicher.

Worüber könnte er verzweifeln, wenn es nichts gibt, das ihm wichtig ist? Wovon könnte er sich zurückziehen, wenn es nichts gibt, worauf er sich beziehen kann? Woran könnte er Interesse verlieren, wenn nichts da ist, das ihn interessieren könnte? Wie könnte Zukunft hoffnungslos sein, wenn Zukunft für ihn überhaupt keine Bedeutung hat?

Plötzlich wird es schwierig, Depression als Phänomen zu denken, das einfach im Menschen sitzt.

Nein. Das Depressive verhält sich zu seiner Welt. Wie der Stein zum Hammer.

Menschen, die fehlen. Möglichkeiten, die nicht mehr möglich scheinen. Eine Zukunft, von der nichts mehr erwartet wird. Ein Körper, der schwer geworden ist. Anforderungen, denen man sich nicht mehr gewachsen fühlt. Eine Vergangenheit, die bis ins heute wirkt.

Trotzdem sagen wir: Er ist depressiv. Als wäre es seine Eigenschaft.

Das ist nicht nur sprachliche Bequemlichkeit.

Denn sobald die Eigenschaft ihm gehört, können wir beginnen, alles andere wegzudenken – und glauben trotzdem, wir hätten noch dasselbe Phänomen vor uns.

Vielleicht haben wir es dann längst verändert.

Denn was wäre eine Depression ohne Welt?

Und allgemeiner:

Kann eine Eigenschaft überhaupt einem etwas allein gehören?

Oder schneiden wir auch hier aus einem Geschehen heraus – und legen es anschliessend in einen der Mitwirkenden hinein, zwischen denen es überhaupt erst geschehen konnte?


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002 Es gibt keine Dinge.

Ich könnte hier behaupten, Dinge gebe es tatsächlich, und Prozess sei nur eine Betrachtungsweise unter anderen. Das wäre die bequemere Position. Ich glaube sie nicht, und ich will versuchen zu zeigen, warum.

Nimm irgendein Ding, von dem du überzeugt bist, dass es eines ist.

Deine Hand. Einen Stein. Einen Tisch.

Schau es nicht auf der Zeitskala eines Wimpernschlags an, auf der es fest und unveränderlich erscheint, sondern auf der Zeitskala, die zu seiner Existenz passt.

Deine Hand verändert sich fortwährend. Zellen entstehen und sterben, Gewebe verändert sich, Stoffe werden aufgenommen und abgegeben. Ein Stein scheint uns noch überzeugender ein Ding zu sein: fest, kompakt, zuverlässig Stein. Und doch verwittert er, reagiert mit seiner Umgebung und verändert seine Struktur.

Je genauer wir hinsehen, desto schwieriger wird es, den Moment zu finden, an dem der Prozess aufhört und das Ding beginnt.

Wo und Wann genau ist also das Ding?

Vielleicht gibt es gar keine Zeitskala, auf der die Dinge, die wir untersuchen, tatsächlich stillstehen. Es gibt nur Skalen, auf denen der Wandel so langsam ist, dass wir ihn nicht bemerken.

Das würde bedeuten: Ein Ding ist nicht einfach das, was vor uns liegt. Es ist ein Ausschnitt, ein Snapshot, den wir aus einem fortlaufenden Geschehen herausschneiden. Unser Wahrnehmen braucht solche Ausschnitte, unsere Sprache erst recht. Wir müssen Grenzen ziehen, damit wir unterscheiden, benennen und uns überhaupt in der Welt orientieren können.

Aber nur weil wir diese Grenzen brauchen, muss die Welt sie noch lange nicht haben.

Wir schneiden einen Moment aus einem Prozess heraus und sagen: Stein. Hand. Mensch. Ich. Der Ausschnitt wird benannt und damit für uns zu etwas, das wir wiedererkennen können. Für einen Augenblick haben wir aus Geschehen etwas gemacht, das ist.

Ein Snapshot.

Was bliebe, wenn wir diesen Schnitt nicht machten?

Kein Stein, dem Verwitterung geschieht. Kein Mensch, dem Veränderung geschieht. Kein Ich, dem ein Leben geschieht.

Nur das Geschehen selbst.

Wir schneiden aus diesem Geschehen etwas heraus, ziehen eine Grenze darum und geben ihm einen Namen.

Und dann vergessen wir den Schnitt.

Gibt es überhaupt ein solches Snapshot-Ding?

Oder nennen wir nur einen ausreichend langsamen, ausreichend stabil erscheinenden Ausschnitt aus Veränderung ein Ding?

Und mir fällt auf: ‚ist‘ klingt zunächst nach einer Feststellung für diesen einen Moment. Die Festlegung, das Zeitlose, kommt mir erst dann hinein, wenn wir aus diesem Momentanen ‚ist’ ein ‚so ist es’ machen, das für immer gelten soll.

Also es gibt das Ding nicht als Ding.

Es gibt nur, was geschieht.


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001 Warum frage ich: „wie geschieht?“ und nicht „was ist?“

Warum frage ich:
„Wie geschieht?“
und nicht
„Was ist?“

„Was ist?“ kann nur einen Augenblick – einen Snapshot – abbilden

Was ist Beziehung?
Was ist eine Entscheidung?
Was ist ein Konflikt?
Was ist Veränderung?

Die Frage sucht nach einem Etwas, das wir erkennen, benennen und festhalten können.

Doch jede Antwort kann nur genau den Mikroausschnitt bestimmen, in dem wir gerade fragen. Sie entsteht in diesem Augenblick, unter diesen Bedingungen und mit dem Wissen, das uns jetzt zur Verfügung steht.

Schon im nächsten Augenblick kann etwas hinzukommen. Ein anderer Zusammenhang. Eine andere Begegnung. Eine Information, die wir vorher nicht hatten. Und schon sieht das, was eben noch eindeutig schien, anders aus.

Das macht den Snapshot nicht falsch.
Aber es macht ihn zum Snapshot.

Vielleicht sind solche Snapshots nichts anderes als kleine, momentane Wahrheiten. Wahr in diesem Augenblick, mit dem Wissen, das wir gerade haben.

Aber reicht das?

Müssten wir nicht viel stärker den Prozess anschauen – statt einen einzelnen Moment festzuhalten?

Mich interessiert deshalb eine grundlegendere Frage:

Wie geschieht Beziehung?
Wie geschieht eine Entscheidung?
Wie geschieht ein Konflikt?
Wie geschieht Veränderung?

Nehmen wir an, ich bin heute depressiv. Ich schlafe kaum, sehe keinen Sinn mehr, kann mich zu nichts aufraffen. Wir machen unseren Snapshot und nennen das, was wir sehen: Depression.

Morgen gewinne ich in der Lotterie.

Was sehen wir dann?

Vielleicht bin ich noch immer depressiv.
Vielleicht bin ich plötzlich euphorisch.
Vielleicht macht mich der Gewinn sogar verzweifelt.
Vielleicht verändert sich gar nichts.

War der gestrige Snapshot deshalb falsch?

Nein. Er hat beschrieben, was wir gestern sehen konnten.

Aber er konnte nicht sagen, wie es weitergeht.

Und vielleicht ist genau das der entscheidende Unterschied:

Ein Snapshot beschreibt einen Zustand.
Ein Prozess zeigt, wie er geschieht und sich verändert.

Mich interessiert deshalb nicht nur:

Was ist?

Sondern:

Wie kommt es dazu, dass genau das gerade so geschieht?

Und was zeigt unser banales Beispiel mit dem Lottogewinn?

Etwas ausserhalb von mir verändert sich – und möglicherweise verändert sich auch, was in mir geschieht.

Das führt zu einer nächsten Frage:

Kann etwas überhaupt geschehen, ohne dass anderes geschieht?

Oder noch grundsätzlicher:

Kann etwas ohne Bezug auf anderes geschehen?


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000 Warum griechisch?

Dass gignetai – γίγνεται – ein altgriechisches Wort ist, ist kein Zufall.

Das Altgriechische eignet sich in besonderer Weise für eine Sprache des Geschehens. Viele seiner Begriffe benennen nicht einfach ein Ding oder einen feststehenden Zustand. Sie tragen eine Bewegung, eine Beziehung oder einen Vollzug in sich.

γίγνεται – gignetai heißt nicht einfach sein.

Es bezeichnet das Geschehen und das Sichtbarwerden des Wandels: wie etwas entsteht, wird und hervorgeht.

Ich schreibe bewusst gignetai, die alte, volle Form – nicht γίνεται, wie es im heutigen Griechisch klingt. Weil das neugriechische γίνεται ‚es wird schon’ – meint dieses Achselzucken, das wir alle kennen. Eine Vertröstung, kein Ereignis. Genau das will ich nicht. gignetai soll das Werden noch offen vor sich hertragen, nicht in eine Redewendung geglättet, mit der man sich durch den Tag schiebt

Das Entscheidende liegt also nicht im fertigen Ergebnis, sondern in dem, was sich ereignet.

Ähnlich ist es bei φιλοξενία – philoxenía. Grammatisch ist es ein Substantiv und wird meist mit „Gastfreundschaft“ übersetzt. Doch damit wird es im Deutschen beinahe zu einer Eigenschaft oder Dienstleistung. Wörtlich steckt darin phílos – freundschaftlich zugewandt – und xénos – der Fremde, der Gast.

Philoxenía bezeichnet damit nicht nur etwas, das man hat. Sie bezeichnet eine Haltung zum Fremden.

Oder μετάνοια – metánoia. Oft übersetzt als „Umkehr“ oder „Reue“. Wörtlich steckt darin meta und nous: ein Anderswerden des Wahrnehmens und Denkens. Nicht bloß: Ich habe meine Meinung geändert. Sondern eine Bewegung des ganzen Blicks.

Und logos – λόγος ist eben nicht nur „Wort“. Je nach Zusammenhang bedeutet es Rede, Zusammenhang, Verhältnis, Begründung, Sinn, Vernunft. Ein einzelnes deutsches Wort hält diesen Bedeutungsraum kaum zusammen.

Genau darin liegt für mich auch die Nähe zu einem philosophischen Denkversuch, in dessen Zentrum etwas steht, das ich syngenesis nenne.

Auch deshalb mag ich Fremdwörter: Sie zwingen zu einem kurzen Innehalten. Weil wir sie nicht unmittelbar zu verstehen glauben, entsteht eine Frage: Was meint dieses Wort eigentlich? Welchen Raum öffnet es, den ein vertrautes Wort vielleicht schon geschlossen hätte?

Ich suche keine Sprache, die Phänomene möglichst schnell feststellt.

Das ist Angst.
Das ist eine Störung.
Das ist Persönlichkeit.
So bist du.

Mich interessiert die Frage davor:

Wie kommt etwas dazu, gerade so zu erscheinen?

Was geschieht zwischen Körper, Geschichte, Welt, anderen Menschen und diesem Augenblick, sodass genau dieses Phänomen hervortritt?

Darum Griechisch.

Nicht weil es älter klingt.
Nicht weil Philosophie griechische Wörter liebt.

Sondern weil diese Sprache mir erlaubt, Wirklichkeit weniger als Bestand und stärker als Vollzug zu denken.


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