Hier ist 008, Wort für Wort aus deinen eigenen Texten zusammengesetzt, ohne jede Änderung. Oben steht die Tassen-Szene aus deinem 009, darunter dein 008.
008 uralt versus erlebt
Ein Kind sitzt am Tisch und entdeckt eine Tasse. Es greift danach. Die Tasse ist kalt. Sie lässt sich heben. Vielleicht wird sie zum Mund geführt, vielleicht wieder auf den Tisch gestellt.
Zwischen Kind und Tasse – zwischen Hand und Tasse, zwischen Haut und Tasse – geschieht syngenesis.
Dann kommt eine andere Tasse. Sie sieht anders aus. Sie fühlt sich anders an. Sie ist vielleicht schwerer, vielleicht kleiner. Das Kind greift auch nach ihr. Wieder lässt sie sich heben. Wieder kann sie zum Mund geführt werden.
Und noch eine. Und noch eine. Keine dieser Tassen ist dieselbe. Und doch geschieht immer wieder etwas, das sich wiederholt.
Nicht die Tasse wiederholt sich.
Das Geschehen wiederholt sich.
Greifen. Heben. Zum Mund führen. Trinken. Abstellen.
Jede neue syngenesis trifft auf das, was aus den vorherigen bereits entstanden ist. Das Neue geschieht nicht mehr unter denselben Bedingungen wie das Erste.
Die Spuren der vergangenen Geschehen treten miteinander in Beziehung. Sie verändern sich, verstärken sich, schwächen sich ab, verbinden sich – das ist systasis.
Wir haben gesehen: In jedem Moment geschehen viele syngenesen gleichzeitig. Das Kind tritt in keine davon als unbeschriebenes Blatt. Es trägt längst syngramme in sich, uralte und erlebte. Jede neue syngenesis wird so zur Verdichtung: Wie tief sie sich einschreibt, ist nicht allein vom anderen bestimmt, sondern auch von dem, was das Kind schon als syngramme in sich trägt.
Uralte syngramme wie fight or flight (milliardenfach bewährt) entfalten in der neuen syngenesis in der Regel eine höhere Wirksamkeit als das, was ein einzelnes Leben erst wenige Male erlebt hat. Deshalb gewinnt meist das Uralte.
Manchmal wiegt auch das Erlebte schwerer. Wurde ein Kind schon zehnmal bestraft, weil es eine Tasse hat fallen lassen, hält es eine heisse Tasse trotz der Hitze fest – obwohl der Schmerz eigentlich sofortiges Loslassen verlangt. Die erlebte Bestrafung wiegt in diesem Moment mehr als der uralte Reflex, der vor Schmerz zurückzieht.
Was aus diesem Moment bleibt, ist keine Kopie von nur einem der beiden. Es ist eine Verdichtung: uralt und erlebt zusammen, gewichtet danach, wie stark sie in diesem Geschehen wirksam werden.
Manche syngramme treten miteinander in Beziehung und verändern dadurch ihre Wirksamkeit: ein lauter Knall und eine heisse Tasse können sich zu einer einzigen, dichteren Spur verbinden, obwohl sie ursprünglich getrennte Ereignisse waren.
Manche verblassen: hundert ruhige Tassen, gegen eine einzige, die wehtat – die ruhigen treten zurück, obwohl es hundert waren, weil die eine mehr Gewicht trägt.
Dieses In-Beziehung-Setzen der syngramme zueinander – nicht ihre blosse Summe, sondern das, was sich dabei modifiziert oder neu entsteht – auch das ist systasis.
Was am Ende davon im Einzelfall geschieht, spürbar, sofort abrufbar, wenn wieder eine Tasse auf dem Tisch steht – das ist eine andere Frage.
γίγνεται — gignetai
es wird · es entsteht · es geschieht
syngenesis. So geschieht’s.
Stay tuned.

