009 Landkarte

Eine syngenesis hinterlässt ein syngramm. Doch syngramme bleiben nicht einfach nebeneinander bestehen. Jede neue syngenesis trifft bereits auf das, was aus früheren syngenesen hervorgegangen ist. Sie kann vorhandene syngramme verstärken, ihnen widersprechen, sie miteinander verbinden oder ihre Wirksamkeit abschwächen.

Vergangenes bleibt also nicht einfach Vergangenheit. Es verändert die Bedingungen, unter denen späteres Geschehen stattfindet.

Eine weitere Tasse trifft deshalb nicht auf ein leeres Geschehen. Sie trifft auf ein Geschehen, das durch frühere syngenesen bereits verändert wurde. Ihre syngenesis kann an vorhandene syngramme anknüpfen, diese verändern und selbst Teil der weiteren systasis werden.

Und irgendwann muss das Kind nicht mehr jede einzelne Erfahrung neu machen.

Eine neue Tasse steht da.

Das Geschehen kann beginnen, bevor es sich vollständig entfaltet hat.

Und dann kommt die Sprache und sagt:

Tasse.

Nicht weil im Gegenstand eine „Tasse“ steckt.

Sondern weil sich aus vielen Geschehen eine Orientierung gebildet hat, für die wir ein Wort haben.

Wir lernen nicht, Dinge zu erkennen. Wir lernen, Geschehen zu unterscheiden und zusammenzufassen.

Aus dem, was gewesen ist, ist eine Orientierung für das geworden, was jetzt geschieht.

Hier beginnt die Landkarte.

Die Landkarte ist kein weiteres syngramm und nicht die Summe der syngramme. Sie bezeichnet die gegenwärtig wirksame Orientierung, die aus der bisherigen systasis hervorgegangen ist.

Sie ist keine Abbildung der Welt. Sie ist die momentan tragfähige Orientierung, mit der weiteres Geschehen stattfinden kann.

Darum kann ein Mensch eine Tasse sehen und unmittelbar wissen, womit er es zu tun hat, ohne zuerst jede einzelne frühere Tasse erinnern zu müssen.

Die Landkarte ist kein weiterer ontologischer Grundbegriff. Sie bezeichnet eine biographisch entstandene Orientierung, die aus der systasis hervorgeht und im gegenwärtigen Geschehen wirksam wird.

Sie ist deshalb nie einfach da. Sie ist geworden.

Und gerade deshalb kann sie sich im nächsten Geschehen wieder verändern.

Wir können sie nur als Snapshot erkennen, weil sie sich in neuer syngenesis fortwährend verändert.

Die Landkarte, die heute trägt, ist bereits das Gewordene, das dem nächsten Werdenden begegnet.