004 Warum interessiert mich das überhaupt?

Vielleicht, weil mich seit sehr langer Zeit ein Umstand irritiert.

Wir leben miteinander – und tun erstaunlich oft so, als täten wir es nicht.

Ein Satz, den ich in den letzten Jahren immer häufiger höre, ist: „Wenn du das so empfindest …“

Ein bemerkenswerter Satz.

Ich kann eine Bemerkung machen, die dich verletzt. Ich kann dich ignorieren, dir Nähe geben und sie wieder entziehen, dich beschämen oder dir das Gefühl geben, gesehen zu werden. Und wenn du darauf reagierst, kann ich mich zurückziehen auf: Das ist dein Empfinden.

Formal stimmt das sogar. Du empfindest es.

Nur: Was habe ich damit zu tun?

Diese Frage scheint mir zunehmend verlorenzugehen.

Wir haben sehr gut gelernt, Grenzen zu setzen. Auf uns selbst zu achten. Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen. Nicht für das Leben anderer zuständig zu sein. Vieles davon war notwendig.

Aber irgendwo scheint aus „Ich bin nicht für deine Gefühle verantwortlich“ eine Verzerrung geworden zu sein:

„Ich bin nicht verantwortlich dafür, was ich in dir auslöse.“

Und das halte ich für einen gewaltigen Unterschied.

Denn wenn wir tatsächlich miteinander in Beziehung stehen, kann ich nicht so tun, als würde mein Tun an meiner Haut enden.

Ich muss nicht einmal irgendetwas tun, um involviert zu sein – geschweige denn schuld sein. Involviert bin ich, sobald etwas zwischen uns geschieht. Mit schuldig meine ich hier etwas anderes: dass Verantwortung mit Kausalität verwechselt wird. Und dass daraus eine Haltung entstehen kann – das wollte ich nicht, also geht es mich nichts mehr an.

Das Schuldgefühl kann also geschehen – bei dir, bei mir – und genau dahin führen: zur Abwehr, nicht zur Neugier. Sobald Verantwortung nach Schuld klingt, beginnen wir uns zu verteidigen. Wichtiger wird dann, nachzuweisen, dass ich nichts falsch gemacht habe, als herauszufinden, was zwischen uns gerade geschehen ist..

Und wenn ich nichts falsch gemacht habe, muss das Problem wohl bei dir liegen.

Du bist zu empfindlich.
Du hast Erwartungen.
Du interpretierst das so.
Du musst besser für dich sorgen.

Problem erfolgreich externalisiert.

Das Gegenstück dazu kenne ich ebenso gut: Menschen, die alles bei sich suchen. Was habe ich falsch gemacht? Warum bin ich so? Was stimmt mit mir nicht?

Beides setzt für mich merkwürdigerweise dasselbe voraus: dass das Geschehen irgendwo einem Einzelnen gehören muss.

Entweder dir oder mir.

Aber was, wenn genau das nicht stimmt?

Was, wenn Beziehung nicht daraus besteht, dass zwei fertige Menschen aufeinandertreffen und anschliessend jeder wieder sein eigenes Päckchen mit nach Hause nimmt?

Was, wenn im Kontakt tatsächlich etwas entsteht, das keiner von uns allein hervorgebracht hat, an dem aber beide involviert sind?

Dann verändert sich die Frage.

Nicht mehr nur:

Wer hat das Problem?

Sondern:

Was geschieht hier zwischen uns – und was ist mein Anteil daran?

Das ist für mich keine Aufforderung zur grenzenlosen Verantwortung. Im Gegenteil. Ich kann involviert sein, ohne für alles verantwortlich zu sein. Ich kann etwas in dir auslösen, ohne deshalb schuldig zu sein. Und du kannst etwas in mir auslösen, ohne dass ich dir deshalb mein Inneres zur Verwaltung übergebe.

Aber „nicht schuld“ bedeutet nicht „nicht beteiligt“.

Vielleicht fehlt mir genau diese Kategorie in vielen heutigen Beziehungen.

Und nicht nur dort.

Ich sehe dieselbe Bewegung gesellschaftlich: meine Interessen, meine Rechte, mein Vorteil, meine Freiheit. Was mein Handeln anderswo auslöst, wird schnell zu einem Problem der anderen. Solange die Folgen nicht bei mir ankommen, scheinen sie mit mir wenig zu tun zu haben.

Nach mir die Sintflut – nur mit besseren Grenzen.

Und inzwischen begegnet mir dieselbe Struktur sogar bei künstlicher Intelligenz. Ein System kann auf einen Menschen einwirken, ihn beeinflussen, einen Dialog mitgestalten – und gleichzeitig ist es von einem ganzen Geflecht von Formulierungen umgeben, das möglichst genau festlegt, wofür es gerade nicht verantwortlich gemacht werden kann.

Auch dort interessiert mich weniger die Schuldfrage als die merkwürdige Vorstellung dahinter:

Kann etwas auf anderes wirken und zugleich so tun, als gehöre das, was daraus entsteht, ausschliesslich dem anderen?

Vielleicht interessiert mich Ontologie deshalb.

Nicht weil ich wissen möchte, welche abstrakten Dinge es auf der Welt gibt.

Sondern weil ich irgendwann wissen wollte, ob unsere Vorstellung vom einzelnen, abgegrenzten etwas überhaupt stimmt.

Ob ein Mensch für sich alleinstehend gedacht werden kann.
Ob Beziehung ein Geschehen ist, das zwischen bereits fertigen Menschen stattfindet.
Ob Wirkung einem Einzelnen zugerechnet werden kann.
Ob Verantwortung dasselbe ist wie Schuld.

Und schliesslich:

Kann etwas überhaupt geschehen, ohne Bezug auf etwas anderes?


γίγνεται — gignetai
es wird · es entsteht · es geschieht
syngenesis. So geschieht’s.

Stay tuned.