Wir haben nun fortlaufende syngenesis gesehen, die fortlaufend syngramme hinterlässt – eine Flut von Spuren, die ohne Ende geschieht.
Wir schauen uns wieder unseren Stein an. Ein Stein verwittert. Ein fortlaufendes Geschehen zwischen etwas und einem – oder mehreren (zum Beispiel Wind, Regen, Frost, Sonne) anderen –, solange beide bestehen. Feststellen können wir diesen Prozess des Verwitterns nur als Unterschied zwischen zwei Momenten: ein Snapshot heute, einer in zehn Jahren. Im Vergleich, und nur da, sehen wir die Verwitterung.
Jede dieser syngenesen hinterlässt ihr syngramm. Aber der Stein bevorzugt keines davon. Was Wind einträgt, kann Regen wieder abtragen. Was der eine Frost aufsprengt, kann die nächste Sonne weiter austrocknen. Der Stein wählt nicht, welche Spur bleibt und welche verschwindet – er lässt einfach geschehen, was geschieht.
Bei einem Lebewesen ist das anders. Schon an einem einzigen Tag geschieht nicht nur eine Handvoll syngenesen, sondern tausende: jeder Blick, jede Berührung, jeder Gedanke. Anders als beim Stein bleiben diese syngramme nicht einfach voneinander unabhängig. Sie fangen an, sich zueinander zu verhalten – verstärken sich, widersprechen sich, verbinden sich, verblassen. Bliebe jede Spur so unabhängig bestehen wie beim Stein, gäbe es keine Ordnung mehr, die sie zusammenhält – nur unbändige Flut.
Beim Menschen kommt noch etwas dazu. Er beginnt nicht bei null, nicht als unbeschriebenes Blatt. Was angeboren wirkt, ist selbst schon verdichtete Geschichte, viel älter als sein eigenes Leben.
Zwei Eltern bringen je ihre eigene Geschichte mit; das Kind ist keine Kopie von einem der beiden, sondern eine neue Mischung aus beiden. So geht es über viele Generationen weiter, immer wieder neu gemischt. Manche Mischungen passen zufällig besser in ihre Umwelt als andere – nicht geplant, einfach so. Wer besser passt, bekommt mehr Nachkommen; der Rest verschwindet mit der Zeit.
So verdichtet sich, Generation um Generation, was sich am besten behauptet hat – kein Plan, nur unzählige Mischungen hintereinander. Das ist Evolution: verdichtete Geschichte, syngramm um syngramm.
Auch Verhaltensweisen verdichten sich so: Kampf oder Flucht. Erstarren. Notwendigkeit des Tribes – der Gruppe. Misstrauen gegenüber dem Fremden. Fürsorge und Bindung. Nicht in einem Leben gelernt – über Jahrmillionen bewährt.
Viele vergangene syngenesen hinterlassen bleibende Veränderungen. Über Generationen können solche Veränderungen weitergegeben werden. So entstehen aus vergangenen Geschehen Spuren, die sich in der Erblinie verdichteten – genetische syngramme.
Solch genetische syngramme sind nicht deshalb wirksam, weil sie alt sind, sondern weil sie sich über sehr viele Generationen in der Organisation des Lebendigen erhalten, als Vorteil bewiesen und verdichtet haben. Sie treten deshalb mit einem anderen Gewicht in das gegenwärtige Geschehen ein als eine einzelne, gerade erst entstandene Spur.
Die Genetik bringt verdichtete syngramme mit; die individuelle Geschichte organisiert und verändert die syngramme, die sie übernommen hat, und verbindet sie mit neuen syngrammen aus gegenwärtigen Erfahrungen.
Die Auswahl, welche Spur sich durchsetzt, geschieht also auf zwei Ebenen zugleich: nach dem, was sich über Jahrmillionen bewährt hat (Genetik), und nach dem, was sich im eigenen Leben gerade erst organisiert.
Die syngramme bleiben nicht nebeneinander liegen. Sie treten fortlaufend zueinander in Beziehung: Sie verstärken sich, schwächen sich ab, verbinden sich oder werden vergessen. Das ist nicht ihre blosse Summe. Dabei entsteht etwas, das keine einzelne Spur enthalten hat. Dieses fortlaufende In-Beziehung-Setzen nenne ich Organisation, oder, im griechischen Klang: systasis.
systasis kommt von syn (zusammen) und histēmi (stellen, stehen), bedeutet also „Zusammenstellung“ oder „Konstitution“.
Genetik ist blinde Verdichtung jahrmillionenalter syngenesen. Geschichte ist die lebendige systasis im Hier und Jetzt.
γίγνεται — gignetai
es wird · es entsteht · es geschieht
syngenesis. So geschieht’s.
Stay tuned.

