006 syngramme

Wenn etwas wieder geschieht

Ein Kind greift nach einer heissen Tasse und verbrennt sich. Etwas ist geschehen zwischen Kind, Tasse, Hitze und Berührung – syngenesis. Und danach ist das Kind nicht mehr ganz dasselbe wie davor. Das Geschehen hat eine Spur hinterlassen.

Ich nenne eine solche Spur ein syngramm. Weil es so schön passt.

Am nächsten Tag steht wieder eine Tasse auf dem Tisch. Das Kind sieht sie. Diesmal beginnt das Geschehen nicht bei null. Die erste Tasse ist längst weg, die Verbrennung vorbei – und trotzdem ist etwas von ihr jetzt anwesend.

Vielleicht zieht das Kind die Hand zurück. Vielleicht fragt es, ob die Tasse heiss ist. Vielleicht greift es trotzdem danach.

Das Vergangene ist vergangen. Aber es wirkt im Gegenwärtigen mit.

Nehmen wir an, die Tasse ist diesmal kalt. Das Kind berührt sie vorsichtig und merkt: Nicht jede Tasse verbrennt mich.

Was ist nun geschehen?

Die erste Erfahrung ist nicht verschwunden. Aber die zweite passt nicht einfach zu ihr. Die Tasse sieht ähnlich aus, die Hand greift wieder danach – nur diesmal folgen weder Hitze noch Schmerz.

Es könnte eine neue Spur entstehen. Die alte könnte sich verändern. Vielleicht geschieht beides. Und vielleicht bleibt die zweite Erfahrung fast wirkungslos, während die erste weiterhin bestimmt, was das Kind bei einer Tasse erwartet.

Wiederholung allein erklärt also noch nichts.

Entscheidend ist nicht nur, was ein Mensch erlebt hat. Entscheidend ist auch, was aus diesen Erfahrungen miteinander wird.

Eine Erfahrung kann wichtiger werden als zehn andere. Zwei Erfahrungen können sich widersprechen. Viele ähnliche können sich so verdichten, dass die einzelnen Erlebnisse irgendwann kaum noch eine Rolle spielen. Späteres kann Früheres verändern – und Früheres kann beeinflussen, wie Späteres überhaupt erlebt wird.

Die Spuren stehen also nicht einfach nebeneinander.

Sie organisieren sich.

Dieses In-Relation-Setzen von Syngrammen nenne ich organisation.

Manche Gewichtung ist noch älter als das einzelne etwas selbst. Was für eine ganze Art über unzählige Generationen entscheidend war, ist bereits vor-organisiert. Mit etwas und anderem entsteht auch die ererbte organisation – im selben Moment, in dem eine neue syngenesis geschieht.

Warum wiegen manche Spuren schwerer als andere? Weil nicht jede syngenesis für ein etwas gleich viel bedeutet. Manche berühren nur, wie es weiter wird. Andere berühren, ob es überhaupt weiter werden kann. Was diese Fortsetzung bedroht, prägt sich am tiefsten ein.

Damit bekommt auch Wiederholung eine andere Bedeutung. Denn wenn heute wieder etwas geschieht, begegnen sich nicht zwei unbeschriebene etwas. Beide bringen mit, was bisher aus ihren Begegnungen mit anderem hervorgegangen ist. Das Vergangene wiederholt sich dabei nicht einfach. Es geht in etwas Neues ein.

Beim Menschen wird das schnell existentiell.

Wenn du heute einem Menschen begegnest, gehst du nicht unbeschrieben in diese Begegnung. Frühere Begegnungen haben Spuren hinterlassen, weitere sind hinzugekommen, manche haben sich verstärkt, andere widersprechen einander, manche werden anders gewichtet oder zueinander in Relation gesetzt, wieder andere haben sich zu etwas verdichtet, dessen einzelne Ursprünge du längst nicht mehr kennst.

All das ist nicht einfach Vergangenheit.

Es gehört zu dem etwas, das du jetzt in diese neue syngenesis einbringst. Und auch das andere kommt nicht ohne Geschichte.

Deshalb kann keine Begegnung wirklich bei null beginnen.

Vielleicht verstehen wir damit etwas besser, das wir gewöhnlich Geschichte nennen.

Vergangenheit liegt nicht einfach hinter uns. Sie ist die organisation aller syngramme. Und:

Sie sitzt beim nächsten Geschehen mit am Tisch.


γίγνεται — gignetai
es wird · es entsteht · es geschieht
syngenesis. So geschieht’s.

Stay tuned.