Ich könnte hier behaupten, Dinge gebe es tatsächlich, und Prozess sei nur eine Betrachtungsweise unter anderen. Das wäre die bequemere Position. Ich glaube sie nicht, und ich will versuchen zu zeigen, warum.
Nimm irgendein Ding, von dem du überzeugt bist, dass es eines ist.
Deine Hand. Einen Stein. Einen Tisch.
Schau es nicht auf der Zeitskala eines Wimpernschlags an, auf der es fest und unveränderlich erscheint, sondern auf der Zeitskala, die zu seiner Existenz passt.
Deine Hand verändert sich fortwährend. Zellen entstehen und sterben, Gewebe verändert sich, Stoffe werden aufgenommen und abgegeben. Ein Stein scheint uns noch überzeugender ein Ding zu sein: fest, kompakt, zuverlässig Stein. Und doch verwittert er, reagiert mit seiner Umgebung und verändert seine Struktur.
Je genauer wir hinsehen, desto schwieriger wird es, den Moment zu finden, an dem der Prozess aufhört und das Ding beginnt.
Wo und Wann genau ist also das Ding?
Vielleicht gibt es gar keine Zeitskala, auf der die Dinge, die wir untersuchen, tatsächlich stillstehen. Es gibt nur Skalen, auf denen der Wandel so langsam ist, dass wir ihn nicht bemerken.
Das würde bedeuten: Ein Ding ist nicht einfach das, was vor uns liegt. Es ist ein Ausschnitt, ein Snapshot, den wir aus einem fortlaufenden Geschehen herausschneiden. Unser Wahrnehmen braucht solche Ausschnitte, unsere Sprache erst recht. Wir müssen Grenzen ziehen, damit wir unterscheiden, benennen und uns überhaupt in der Welt orientieren können.
Aber nur weil wir diese Grenzen brauchen, muss die Welt sie noch lange nicht haben.
Wir schneiden einen Moment aus einem Prozess heraus und sagen: Stein. Hand. Mensch. Ich. Der Ausschnitt wird benannt und damit für uns zu etwas, das wir wiedererkennen können. Für einen Augenblick haben wir aus Geschehen etwas gemacht, das ist.
Ein Snapshot.
Was bliebe, wenn wir diesen Schnitt nicht machten?
Kein Stein, dem Verwitterung geschieht. Kein Mensch, dem Veränderung geschieht. Kein Ich, dem ein Leben geschieht.
Nur das Geschehen selbst.
Wir schneiden aus diesem Geschehen etwas heraus, ziehen eine Grenze darum und geben ihm einen Namen.
Und dann vergessen wir den Schnitt.
Gibt es überhaupt ein solches Snapshot-Ding?
Oder nennen wir nur einen ausreichend langsamen, ausreichend stabil erscheinenden Ausschnitt aus Veränderung ein Ding?
Ich habe in fünfzig Jahren Hinsehen kein einziges Gegenbeispiel gefunden: kein Ding, das nicht bei genauerem Hinsehen in Prozess zerfällt, und keinen Prozess, der bei genauerem Hinsehen ein Ding gewesen wäre.
Wenn dir eines einfällt, zeig es mir.
Und mir fällt auf: ‚ist‘ klingt zunächst nach einer Feststellung für diesen einen Moment. Die Festlegung, das Zeitlose, kommt mir erst dann hinein, wenn wir aus diesem momentanen ‚ist’ ein ‚so ist es‘ machen, das für immer gelten soll.
Also es gibt das Ding nicht als Ding.
Es gibt nur, was geschieht.
γίγνεται — gignetai
es wird · es entsteht · es geschieht
syngenesis. So geschieht’s.
Stay tuned.


