Fangen wir ganz einfach an. Der Stein ist hart.
Aber ist Härte tatsächlich etwas, das im Stein steckt?
Ein Stein liegt seit tausend Jahren allein irgendwo im Gebirge. Niemand berührt ihn. Nichts schlägt auf ihn. Ist er hart?
Wir würden selbstverständlich Ja sagen.
Aber worauf bezieht sich dieses Ja?
Hart bezeichnet Widerstand. Widerstand kann aber nicht allein geschehen. Etwas muss auf etwas treffen. Was wir dem Stein als Eigenschaft zuschreiben, enthält also bereits etwas, das nicht Stein ist.
Der Stein ist nicht einfach hart. Er ist hart für etwas, gegenüber etwas anderem, unter bestimmten Bedingungen.
Und trotzdem entfernen wir all das aus dem Satz.
Übrig bleibt:
Der Stein ist hart.
Vielleicht geschieht hier etwas Merkwürdiges. Wir nehmen einen Bezug – Stein und Hand, Stein und Hammer, Stein und Druck – und machen aus dem, was in diesem Bezug geschieht, eine Eigenschaft eines einzelnen Beteiligten.
Gehen wir weiter zum Menschen – hier wird es ein wenig komplexer.
Ein Mensch ist depressiv.
Nicht: Er zeigt heute bestimmte Symptome.
Wo befindet sich dieses depressiv?
In ihm?
Stellen wir uns einen Menschen vor, dessen gesamtes Leben verschwunden ist. Keine anderen Menschen. Keine Arbeit. Keine Vergangenheit, an die er sich erinnern kann oder will. Keine Zukunft, die er erwartet. Keine Verluste. Keine Wünsche. Keine Verpflichtungen. Keine Möglichkeiten. Keine Welt, zu der er sich irgendwie verhalten kann.
Kann dieser Mensch depressiv sein?
Nicht: Würde er Symptome einer Depression zeigen. Die Frage ist viel grundsätzlicher.
Worüber könnte er verzweifeln, wenn es nichts gibt, das ihm etwas bedeutet? Wovon könnte er sich zurückziehen, wenn es nichts gibt, worauf er sich beziehen kann? Woran könnte er Interesse verlieren, wenn nichts da ist, das ihn interessieren könnte? Wie könnte Zukunft hoffnungslos sein, wenn Zukunft für ihn überhaupt keine Bedeutung hat?
Plötzlich wird es schwierig, Depression als etwas zu denken, das einfach im Menschen sitzt.
Nein. Das Depressive verhält sich zu seiner Welt. Wie der Stein zum Hammer.
Menschen, die fehlen. Möglichkeiten, die nicht mehr möglich scheinen. Eine Zukunft, von der nichts mehr erwartet wird. Ein Körper, der schwer geworden ist. Anforderungen, denen man sich nicht mehr gewachsen fühlt. Eine Vergangenheit, die heute etwas bedeutet.
Trotzdem sagen wir: Er ist depressiv. Als wäre es seine Eigenschaft.
Das ist nicht nur sprachliche Bequemlichkeit.
Denn sobald die Eigenschaft ihm gehört, können wir beginnen, alles andere wegzudenken – und glauben trotzdem, wir hätten noch dasselbe Phänomen vor uns.
Vielleicht haben wir es dann längst verändert.
Denn was wäre eine Depression ohne Welt?
Und allgemeiner:
Kann eine Eigenschaft überhaupt einem Etwas allein gehören?
Oder schneiden wir auch hier etwas aus einem Geschehen heraus – und legen es anschließend in eines der Dinge hinein, zwischen denen es überhaupt erst geschehen konnte?
Es gibt nur, was zwischen Dingen geschieht.
γίγνεται — gignetai
es wird · es entsteht · es geschieht
syngenesis. So geschieht’s.
Stay tuned.

