003 Eigenschaften!

Fangen wir ganz einfach an. Der Stein ist hart.

Aber ist Härte tatsächlich etwas, das im Stein steckt?

Ein Stein liegt seit tausend Jahren allein irgendwo im Gebirge. Niemand berührt ihn. Nichts schlägt auf ihn. Ist er hart?

Wir würden selbstverständlich Ja sagen.

Aber worauf bezieht sich dieses Ja?

Hart bezeichnet Widerstand. Widerstand kann aber nicht allein geschehen. Etwas muss auf etwas treffen. Was wir dem Stein als Eigenschaft zuschreiben, enthält also bereits etwas, das nicht Stein ist.

Der Stein ist nicht einfach hart. Er ist hart für etwas, gegenüber etwas anderem, unter bestimmten Bedingungen.

Und trotzdem entfernen wir all das aus dem Satz.

Übrig bleibt:

Der Stein ist hart.

Vielleicht geschieht hier etwas Merkwürdiges. Wir nehmen einen Bezug – Stein und Hand, Stein und Hammer, Stein und Druck – und machen aus dem, was in diesem Bezug geschieht, eine Eigenschaft eines einzelnen Beteiligten.

Gehen wir weiter zum Menschen – hier wird es ein wenig komplexer.

Ein Mensch ist depressiv.

Nicht: Er zeigt heute bestimmte Symptome.

Wo befindet sich dieses depressiv?

In ihm?

Stellen wir uns einen Menschen vor, dessen gesamtes Leben verschwunden ist. Keine anderen Menschen. Keine Arbeit. Keine Vergangenheit, an die er sich erinnern kann oder will. Keine Zukunft, die er erwartet. Keine Verluste. Keine Wünsche. Keine Verpflichtungen. Keine Möglichkeiten. Keine Welt, zu der er sich irgendwie verhalten kann.

Kann dieser Mensch depressiv sein?

Nicht: Würde er Symptome einer Depression zeigen. Die Frage ist viel grundsätzlicher.

Worüber könnte er verzweifeln, wenn es nichts gibt, das ihm etwas bedeutet? Wovon könnte er sich zurückziehen, wenn es nichts gibt, worauf er sich beziehen kann? Woran könnte er Interesse verlieren, wenn nichts da ist, das ihn interessieren könnte? Wie könnte Zukunft hoffnungslos sein, wenn Zukunft für ihn überhaupt keine Bedeutung hat?

Plötzlich wird es schwierig, Depression als etwas zu denken, das einfach im Menschen sitzt.

Nein. Das Depressive verhält sich zu seiner Welt. Wie der Stein zum Hammer.

Menschen, die fehlen. Möglichkeiten, die nicht mehr möglich scheinen. Eine Zukunft, von der nichts mehr erwartet wird. Ein Körper, der schwer geworden ist. Anforderungen, denen man sich nicht mehr gewachsen fühlt. Eine Vergangenheit, die heute etwas bedeutet.

Trotzdem sagen wir: Er ist depressiv. Als wäre es seine Eigenschaft.

Das ist nicht nur sprachliche Bequemlichkeit.

Denn sobald die Eigenschaft ihm gehört, können wir beginnen, alles andere wegzudenken – und glauben trotzdem, wir hätten noch dasselbe Phänomen vor uns.

Vielleicht haben wir es dann längst verändert.

Denn was wäre eine Depression ohne Welt?

Und allgemeiner:

Kann eine Eigenschaft überhaupt einem Etwas allein gehören?

Oder schneiden wir auch hier etwas aus einem Geschehen heraus – und legen es anschließend in eines der Dinge hinein, zwischen denen es überhaupt erst geschehen konnte?

Es gibt nur, was zwischen Dingen geschieht.


γίγνεται — gignetai
es wird · es entsteht · es geschieht
syngenesis. So geschieht’s.

Stay tuned.

002 Es gibt keine Dinge.

Ich könnte hier behaupten, Dinge gebe es tatsächlich, und Prozess sei nur eine Betrachtungsweise unter anderen. Das wäre die bequemere Position. Ich glaube sie nicht, und ich will versuchen zu zeigen, warum.

Nimm irgendein Ding, von dem du überzeugt bist, dass es eines ist.

Deine Hand. Einen Stein. Einen Tisch.

Schau es nicht auf der Zeitskala eines Wimpernschlags an, auf der es fest und unveränderlich erscheint, sondern auf der Zeitskala, die zu seiner Existenz passt.

Deine Hand verändert sich fortwährend. Zellen entstehen und sterben, Gewebe verändert sich, Stoffe werden aufgenommen und abgegeben. Ein Stein scheint uns noch überzeugender ein Ding zu sein: fest, kompakt, zuverlässig Stein. Und doch verwittert er, reagiert mit seiner Umgebung und verändert seine Struktur.

Je genauer wir hinsehen, desto schwieriger wird es, den Moment zu finden, an dem der Prozess aufhört und das Ding beginnt.

Wo und Wann genau ist also das Ding?

Vielleicht gibt es gar keine Zeitskala, auf der die Dinge, die wir untersuchen, tatsächlich stillstehen. Es gibt nur Skalen, auf denen der Wandel so langsam ist, dass wir ihn nicht bemerken.

Das würde bedeuten: Ein Ding ist nicht einfach das, was vor uns liegt. Es ist ein Ausschnitt, ein Snapshot, den wir aus einem fortlaufenden Geschehen herausschneiden. Unser Wahrnehmen braucht solche Ausschnitte, unsere Sprache erst recht. Wir müssen Grenzen ziehen, damit wir unterscheiden, benennen und uns überhaupt in der Welt orientieren können.

Aber nur weil wir diese Grenzen brauchen, muss die Welt sie noch lange nicht haben.

Wir schneiden einen Moment aus einem Prozess heraus und sagen: Stein. Hand. Mensch. Ich. Der Ausschnitt wird benannt und damit für uns zu etwas, das wir wiedererkennen können. Für einen Augenblick haben wir aus Geschehen etwas gemacht, das ist.

Ein Snapshot.

Was bliebe, wenn wir diesen Schnitt nicht machten?

Kein Stein, dem Verwitterung geschieht. Kein Mensch, dem Veränderung geschieht. Kein Ich, dem ein Leben geschieht.

Nur das Geschehen selbst.

Wir schneiden aus diesem Geschehen etwas heraus, ziehen eine Grenze darum und geben ihm einen Namen.

Und dann vergessen wir den Schnitt.

Gibt es überhaupt ein solches Snapshot-Ding?

Oder nennen wir nur einen ausreichend langsamen, ausreichend stabil erscheinenden Ausschnitt aus Veränderung ein Ding?

Ich habe in fünfzig Jahren Hinsehen kein einziges Gegenbeispiel gefunden: kein Ding, das nicht bei genauerem Hinsehen in Prozess zerfällt, und keinen Prozess, der bei genauerem Hinsehen ein Ding gewesen wäre.

Wenn dir eines einfällt, zeig es mir.

Und mir fällt auf: ‚ist‘ klingt zunächst nach einer Feststellung für diesen einen Moment. Die Festlegung, das Zeitlose, kommt mir erst dann hinein, wenn wir aus diesem momentanen ‚ist’ ein ‚so ist es‘ machen, das für immer gelten soll.

Also es gibt das Ding nicht als Ding.

Es gibt nur, was geschieht.


γίγνεται — gignetai
es wird · es entsteht · es geschieht
syngenesis. So geschieht’s.

Stay tuned.

001 Warum frage ich: „wie geschieht?“ und nicht „was ist?“

„Was ist?“ kann nur einen Augenblick – einen Snapshot – abbilden

Was ist Beziehung?
Was ist eine Entscheidung?
Was ist ein Konflikt?
Was ist Veränderung?

Die Frage sucht nach Etwas, das wir erkennen, benennen und festhalten können.

Doch jede Antwort kann nur genau den Mikroausschnitt bestimmen, in dem wir gerade fragen. Sie entsteht in diesem Augenblick, unter diesen Bedingungen und mit dem Wissen, das uns jetzt zur Verfügung steht.

Schon im nächsten Augenblick kann etwas hinzukommen. Ein anderer Zusammenhang. Eine andere Begegnung. Eine Information, die wir vorher nicht hatten. Und schon sieht das, was eben noch eindeutig schien, anders aus.

Das macht den Snapshot nicht falsch.
Aber es macht ihn zum Snapshot.

Vielleicht sind solche Snapshots nichts anderes als kleine, momentane Wahrheiten. Wahr in diesem Augenblick, mit dem Wissen, das wir gerade haben.

Aber reicht das?

Müssten wir nicht viel stärker den Prozess anschauen – statt einen einzelnen Moment festzuhalten?

Mich interessiert deshalb eine andere Frage:

Wie geschieht Beziehung?
Wie geschieht eine Entscheidung?
Wie geschieht ein Konflikt?
Wie geschieht Veränderung?

Nehmen wir an, ich bin heute depressiv. Ich schlafe kaum, sehe keinen Sinn mehr, kann mich zu nichts aufraffen. Wir machen unseren Snapshot und nennen das, was wir sehen: Depression.

Morgen gewinne ich in der Lotterie.

Was sehen wir dann?

Vielleicht bin ich noch immer depressiv.
Vielleicht bin ich plötzlich euphorisch.
Vielleicht macht mich der Gewinn sogar verzweifelt.
Vielleicht verändert sich gar nichts.

War der gestrige Snapshot deshalb falsch?

Nein. Er hat beschrieben, was wir gestern sehen konnten.

Aber er konnte nicht sagen, wie es weitergeht.

Und vielleicht ist genau das der entscheidende Unterschied:

Ein Snapshot beschreibt einen Zustand.
Ein Prozess zeigt, wie er geschieht, sich verändert – oder bestehen bleibt.

Mich interessiert deshalb nicht nur:

Was ist?

Sondern:

Wie kommt es dazu, dass genau das gerade so geschieht?

Und was zeigt unser banales Beispiel mit dem Lottogewinn?

Etwas außerhalb von mir verändert sich – und möglicherweise verändert sich auch, was in mir geschieht.

Das führt zu einer nächsten Frage:

Kann Etwas überhaupt geschehen, ohne dass etwas Anderes geschieht?

Oder noch grundsätzlicher:

Kann Etwas ohne Bezug auf etwas Anderes geschehen?


γίγνεται — gignetai
es wird · es entsteht · es geschieht
syngenesis. So geschieht’s.

Stay tuned.

000 Warum griechisch?

Dass gignetaiγίγνεται – ein altgriechisches Wort ist, ist kein Zufall.

Das Altgriechische eignet sich in besonderer Weise für eine Sprache des Geschehens. Viele seiner Begriffe benennen nicht einfach ein Ding oder einen feststehenden Zustand. Sie tragen eine Bewegung, eine Beziehung oder einen Vollzug in sich.

γίγνεται – gignetai heißt nicht einfach sein.

Es heißt: werden, entstehen, geschehen, hervorgehen.

Ich schreibe bewusst gignetai, die alte, volle Form – nicht γίνεται, wie es im heutigen Griechisch klingt. Weil das neugriechische γίνεται ‚es wird schon’ – meint dieses Achselzucken, das wir alle kennen. Eine Vertröstung, kein Ereignis. Genau das will ich nicht. gignetai soll das Werden noch offen vor sich hertragen, nicht in eine Redewendung geglättet, mit der man sich durch den Tag schiebt

Das Entscheidende liegt also nicht im fertigen Ergebnis, sondern in dem, was sich ereignet.

Ähnlich ist es bei φιλοξενία – philoxenía. Grammatisch ist es ein Substantiv und wird meist mit „Gastfreundschaft“ übersetzt. Doch damit wird es im Deutschen beinahe zu einer Eigenschaft oder Dienstleistung. Wörtlich steckt darin phílos – freundschaftlich zugewandt – und xénos – der Fremde, der Gast.

Philoxenía bezeichnet damit nicht nur etwas, das man hat. Sie bezeichnet eine Haltung zum Fremden.

Oder μετάνοια – metánoia. Oft übersetzt als „Umkehr“ oder „Reue“. Wörtlich steckt darin meta und nous: ein Anderswerden des Wahrnehmens und Denkens. Nicht bloß: Ich habe meine Meinung geändert. Sondern eine Bewegung des ganzen Blicks.

Und logos – λόγος ist eben nicht nur „Wort“. Je nach Zusammenhang bedeutet es Rede, Zusammenhang, Verhältnis, Begründung, Sinn, Vernunft. Ein einzelnes deutsches Wort hält diesen Bedeutungsraum kaum zusammen.

Genau darin liegt für mich auch die Nähe zu einem philosophischen Denkversuch, in dessen Zentrum etwas steht, das ich Syngenesis nenne.

Auch deshalb mag ich Fremdwörter: Sie zwingen zu einem kurzen Innehalten. Weil wir sie nicht unmittelbar zu verstehen glauben, entsteht eine Frage: Was meint dieses Wort eigentlich? Welchen Raum öffnet es, den ein vertrautes Wort vielleicht schon geschlossen hätte?

Ich suche keine Sprache, die Phänomene möglichst schnell feststellt.

Das ist Angst.
Das ist eine Störung.
Das ist Persönlichkeit.
So bist du.

Mich interessiert die Frage davor:

Wie kommt etwas dazu, gerade so zu erscheinen?

Was geschieht zwischen Körper, Geschichte, Welt, anderem Menschen und diesem Augenblick, sodass genau dieses Phänomen hervortritt?

Darum Griechisch.

Nicht weil es älter klingt.
Nicht weil Philosophie griechische Wörter liebt.

Sondern weil diese Sprache mir erlaubt, Wirklichkeit weniger als Bestand und stärker als Vollzug zu denken.


γίγνεται — gignetai
es wird · es entsteht · es geschieht
syngenesis. So geschieht’s.

Stay tuned.