000 Warum griechisch?

Dass gignetaiγίγνεται – ein altgriechisches Wort ist, ist kein Zufall.

Das Altgriechische eignet sich in besonderer Weise für eine Sprache des Geschehens. Viele seiner Begriffe benennen nicht einfach ein Ding oder einen feststehenden Zustand. Sie tragen eine Bewegung, eine Beziehung oder einen Vollzug in sich.

γίγνεται – gignetai heißt nicht einfach sein.

Es heißt: werden, entstehen, geschehen, hervorgehen.

Ich schreibe bewusst gignetai, die alte, volle Form – nicht γίνεται, wie es im heutigen Griechisch klingt. Weil das neugriechische γίνεται ‚es wird schon’ – meint dieses Achselzucken, das wir alle kennen. Eine Vertröstung, kein Ereignis. Genau das will ich nicht. gignetai soll das Werden noch offen vor sich hertragen, nicht in eine Redewendung geglättet, mit der man sich durch den Tag schiebt

Das Entscheidende liegt also nicht im fertigen Ergebnis, sondern in dem, was sich ereignet.

Ähnlich ist es bei φιλοξενία – philoxenía. Grammatisch ist es ein Substantiv und wird meist mit „Gastfreundschaft“ übersetzt. Doch damit wird es im Deutschen beinahe zu einer Eigenschaft oder Dienstleistung. Wörtlich steckt darin phílos – freundschaftlich zugewandt – und xénos – der Fremde, der Gast.

Philoxenía bezeichnet damit nicht nur etwas, das man hat. Sie bezeichnet eine Haltung zum Fremden.

Oder μετάνοια – metánoia. Oft übersetzt als „Umkehr“ oder „Reue“. Wörtlich steckt darin meta und nous: ein Anderswerden des Wahrnehmens und Denkens. Nicht bloß: Ich habe meine Meinung geändert. Sondern eine Bewegung des ganzen Blicks.

Und logos – λόγος ist eben nicht nur „Wort“. Je nach Zusammenhang bedeutet es Rede, Zusammenhang, Verhältnis, Begründung, Sinn, Vernunft. Ein einzelnes deutsches Wort hält diesen Bedeutungsraum kaum zusammen.

Genau darin liegt für mich auch die Nähe zu einem philosophischen Denkversuch, in dessen Zentrum etwas steht, das ich Syngenesis nenne.

Auch deshalb mag ich Fremdwörter: Sie zwingen zu einem kurzen Innehalten. Weil wir sie nicht unmittelbar zu verstehen glauben, entsteht eine Frage: Was meint dieses Wort eigentlich? Welchen Raum öffnet es, den ein vertrautes Wort vielleicht schon geschlossen hätte?

Ich suche keine Sprache, die Phänomene möglichst schnell feststellt.

Das ist Angst.
Das ist eine Störung.
Das ist Persönlichkeit.
So bist du.

Mich interessiert die Frage davor:

Wie kommt etwas dazu, gerade so zu erscheinen?

Was geschieht zwischen Körper, Geschichte, Welt, anderem Menschen und diesem Augenblick, sodass genau dieses Phänomen hervortritt?

Darum Griechisch.

Nicht weil es älter klingt.
Nicht weil Philosophie griechische Wörter liebt.

Sondern weil diese Sprache mir erlaubt, Wirklichkeit weniger als Bestand und stärker als Vollzug zu denken.


γίγνεται — gignetai
es wird · es entsteht · es geschieht
syngenesis. So geschieht’s.

Stay tuned.

One Reply to “000 Warum griechisch?”

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *