005 Wie geschieht “werden”?

Bisher ging es um einzelne Phänomene: Beziehung, Ding, Eigenschaft.

Jetzt geht es um das, was jedem Geschehen zugrunde liegt. Das nennt man Ontologie – die Frage danach, was überhaupt ist.

Bei mir lautet diese Frage anders: nicht was ist – sondern was geschieht. Und dafür brauche ich ein paar Grundbegriffe. Hier führe ich sie ein.

Fangen wir damit an: Ein Kind wird gross. Brot geht auf. Eine Wunde heilt. Der Himmel wird dunkel.

Wir nennen das alles: Werden. Aber was ist das eigentlich – nicht das Kind, nicht das Brot, nicht die Wunde, sondern das Werden selbst, das in jedem von ihnen geschieht? Und deshalb meine Frage:

Wie geschieht Werden?

Werden geschieht nie aus sich selbst. Nichts wird, indem es nur mit sich selbst beschäftigt ist. Auch die Physik kennt bislang keinen Fall, der dem widerspricht.

Das heißt: Werden braucht mindestens zwei.

Ich nenne die Beteiligten etwas. Und, damit wir unterscheiden können, nennen wir eines davon das andere.

Wo völlige Unabhängigkeit herrscht, geschieht kein Werden.

Etwas ist dabei die allgemeinste Bestimmung, die es überhaupt gibt. Es meint alles, was an Werden teilnimmt und sich dabei selbst verändert – ob materiell, biologisch oder mental, spielt zunächst keine Rolle. Der Stein ist ein etwas. Der Hammer auch. Du auch. Gedanken auch.

Aber etwas ist nie seinem Wesen nach ein anderes. Das andere ist keine Eigenschaft, die jemandem gehört – es ist eine Stellung im Verhältnis. Der Stein ist nicht an sich das andere. Er wird es erst gegenüber dem Hammer.

Alles, was ist, verändert sich. Ein Gegenbeispiel ist mir nicht bekannt.

Das Feld zwischen etwas und dem anderen nenne ich das zwischen.

Das zwischen besteht nur gemeinsam mit beiden. Es ist der Bereich, in dem etwas und anderes zugleich bestehen. Und weil es nur gemeinsam besteht, kann Werden keinem der beiden allein entspringen.

Keines geht dem anderen als alleiniger Ursprung voraus. Beide entstehen im selben Moment.

Das Werden, das im zwischen geschieht, nenne ich syngenesis.

Nicht etwas macht Syngenesis. Nicht das andere macht sie. Sie geschieht im zwischen – oder gar nicht.

Nicht etwas. Nicht das andere. Nur das zwischen.


γίγνεται — gignetai
es wird · es entsteht · es geschieht
syngenesis. So geschieht’s.

Stay tuned.


Die neu eingeführten Begriffe sind mir sehr wichtig, da sie vielleicht einen neue Sicht- und Dankweise anstossen können:

  • etwas – alles, was an Werden teilnimmt und sich dabei selbst verändert.
  • das andere – keine Eigenschaft eines Etwas, sondern seine Stellung im Verhältnis. Der Stein wird erst gegenüber dem Hammer zum anderen.
  • das zwischen – das Feld, das nur gemeinsam mit etwas und anderem besteht.
  • syngenesis – das Werden, das im zwischen geschieht.

004 Warum interessiert mich das überhaupt?

Vielleicht, weil mich seit sehr langer Zeit etwas irritiert.

Wir leben miteinander – und tun erstaunlich oft so, als täten wir es nicht.

Ein Satz, den ich in den letzten Jahren immer häufiger höre, ist: „Wenn du das so empfindest …“

Ein bemerkenswerter Satz.

Ich kann etwas sagen, das dich verletzt. Ich kann dich ignorieren, dir Nähe geben und sie wieder entziehen, dich beschämen oder dir das Gefühl geben, gesehen zu werden. Und wenn du darauf reagierst, kann ich mich zurückziehen auf: Das ist dein Empfinden.

Formal stimmt das sogar. Du empfindest es.

Nur: Was habe ich damit zu tun?

Diese Frage scheint mir zunehmend verlorenzugehen.

Wir haben sehr gut gelernt, Grenzen zu setzen. Auf uns selbst zu achten. Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen. Nicht für das Leben anderer zuständig zu sein. Vieles davon war notwendig.

Aber irgendwo scheint aus „Ich bin nicht für deine Gefühle verantwortlich“ etwas anderes geworden zu sein:

„Ich bin nicht verantwortlich dafür, was ich in dir auslöse.“

Und das halte ich für einen gewaltigen Unterschied.

Denn wenn wir tatsächlich miteinander in Beziehung stehen, kann ich nicht so tun, als würde mein Tun an meiner Haut enden.

Ich muss nicht schuld sein, um beteiligt zu sein.

Vielleicht ist gerade Schuld eines unserer Probleme. Sobald Verantwortung nach Schuld klingt, beginnen wir uns zu verteidigen. Dann wird wichtiger, nachzuweisen, dass ich nichts falsch gemacht habe, als neugierig darauf zu werden, was zwischen uns gerade geschehen ist.

Und wenn ich nichts falsch gemacht habe, muss das Problem wohl bei dir liegen.

Du bist zu empfindlich.
Du hast Erwartungen.
Du interpretierst das so.
Du musst besser für dich sorgen.

Problem erfolgreich externalisiert.

Das Gegenstück dazu kenne ich ebenso gut: Menschen, die alles bei sich suchen. Was habe ich falsch gemacht? Warum bin ich so? Was stimmt mit mir nicht?

Beides setzt für mich merkwürdigerweise dasselbe voraus: dass das Geschehen irgendwo einem Einzelnen gehören muss.

Entweder dir oder mir.

Aber was, wenn genau das nicht stimmt?

Was, wenn Beziehung nicht daraus besteht, dass zwei fertige Menschen aufeinandertreffen und anschließend jeder wieder sein eigenes Päckchen mit nach Hause nimmt?

Was, wenn im Kontakt tatsächlich etwas entsteht, das keiner von uns allein hervorgebracht hat, an dem aber beide beteiligt sind?

Dann verändert sich die Frage.

Nicht mehr nur:

Wer hat das Problem?

Sondern:

Was geschieht hier zwischen uns – und was ist mein Anteil daran?

Das ist für mich keine Aufforderung zur grenzenlosen Verantwortung. Im Gegenteil. Ich kann beteiligt sein, ohne für alles verantwortlich zu sein. Ich kann etwas in dir auslösen, ohne deshalb schuldig zu sein. Und du kannst etwas in mir auslösen, ohne dass ich dir deshalb mein Inneres zur Verwaltung übergebe.

Aber „nicht schuld“ bedeutet nicht „nicht beteiligt“.

Vielleicht fehlt mir genau diese Kategorie in vielen heutigen Beziehungen.

Und nicht nur dort.

Ich sehe dieselbe Bewegung gesellschaftlich: meine Interessen, meine Rechte, mein Vorteil, meine Freiheit. Was mein Handeln anderswo auslöst, wird schnell zu einem Problem der anderen. Solange die Folgen nicht bei mir ankommen, scheinen sie mit mir wenig zu tun zu haben.

Nach mir die Sintflut – nur mit besseren Grenzen.

Und inzwischen begegnet mir dieselbe Struktur sogar bei künstlicher Intelligenz. Ein System kann auf einen Menschen einwirken, ihn beeinflussen, einen Dialog mitgestalten – und gleichzeitig ist es von einem ganzen Geflecht von Formulierungen umgeben, das möglichst genau festlegt, wofür es gerade nicht verantwortlich gemacht werden kann.

Auch dort interessiert mich weniger die Schuldfrage als die merkwürdige Vorstellung dahinter:

Kann etwas auf etwas anderes wirken und zugleich so tun, als gehöre das, was daraus entsteht, ausschließlich dem anderen?

Vielleicht interessiert mich Ontologie deshalb.

Nicht weil ich wissen möchte, welche abstrakten Dinge es auf der Welt gibt.

Sondern weil ich irgendwann wissen wollte, ob unsere Vorstellung vom einzelnen, abgegrenzten Etwas überhaupt stimmt.

Ob ein Mensch für sich alleinstehend gedacht werden kann.
Ob Beziehung etwas ist, das zwischen bereits fertigen Menschen stattfindet.
Ob Wirkung einem Einzelnen zugerechnet werden kann.
Ob Verantwortung dasselbe ist wie Schuld.

Und schließlich:

Kann Etwas überhaupt geschehen, ohne Bezug auf etwas Anderes?


γίγνεται — gignetai
es wird · es entsteht · es geschieht
syngenesis. So geschieht’s.

Stay tuned.