005 Wie geschieht “werden”?

Jetzt geht es um das, was jedem Geschehen zugrunde liegt. Die Frage danach, was überhaupt ist, ist eine Grundfrage der Ontologie. Bei mir lautet diese Frage anders: nicht was ist – sondern was geschieht. Auch das ist eine ontologische Frage, aber nicht die übliche.

Und dafür brauche ich ein paar Grundbegriffe. Hier führe ich sie ein.

Fangen wir damit an: Ein Kind wird gross. Brot geht auf. Eine Wunde heilt. Der Himmel wird dunkel. Wir nennen das alles: werden.

Aber kein Kind wird gross, indem es nur mit sich selbst beschäftigt ist. Es wird gross im Verhältnis zu Nahrung, Zeit, einer Welt, die es umgibt. Das werden, das wir am Kind sehen, ist nur die sichtbare, lokale Seite von etwas, das nie an einer einzelnen Stelle allein geschieht.

Dieses Geschehen selbst – nicht das Kind, nicht das Brot, nicht die Wunde, sondern das, was ihrem werden zugrunde liegt – nenne ich Beteiligung, oder, im griechischen Klang: syngenesis.

Geschehen selbst führe ich dabei nicht weiter zurück. Es ist nicht das Ergebnis einer Herleitung, sondern mein Ausgangspunkt – das, was allem Folgenden zugrunde liegt, ohne selbst abgeleitet zu sein.

Wie geschieht syngenesis?

Syngenesis geschieht nie aus sich selbst. Nichts entsteht, indem es nur mit sich selbst beschäftigt ist. Hier treffe ich eine grundlegende Annahme wie folgt:

Es gibt keine syngenesis, die einem Einzelnen allein entspringt.

Das heisst: syngenesis tritt nie als Eins auf, sondern mindestens als Zwei.

Ich nenne die Mitwirkenden etwas. Und, damit wir unterscheiden können, nennen wir eines davon das andere.

etwas bezeichnet keine selbständige Entität, kein Ding, sondern die eine Position innerhalb eines Geschehens.

Im Deutschen schreiben wir Dinge gross. Unsere Sprache ist so aufgebaut, dass wir auch für Prozesse – nicht nur für Dinge – Substantive brauchen. Für meine eigenen Begriffe setze ich bewusst die Kleinschreibung, um auf das Geschehen zu zeigen. Sie soll jedes Mal, wenn ein neuer Begriff auftaucht, daran erinnern, dass ich damit eben nicht ein Ding meine.

Wo völlige Unabhängigkeit herrscht, geschieht keine syngenesis.

etwas ist dabei die allgemeinste Bestimmung, die es überhaupt gibt. Es meint jede Position, die an einer syngenesis beteiligt ist – ob materiell, biologisch oder mental, spielt zunächst keine Rolle. Der Stein ist ein etwas. Der Hammer auch. Du auch. Gedanken auch.

Jedes etwas kann auch das andere sein – aber nur für ein weiteres etwas. Der Regen ist das andere für den Stein. Derselbe Regen ist etwas für die Pflanze, die ihn aufnimmt. Das andere ist eine Position im Verhältnis, die wechselt, je nachdem, wer gerade mit wem in syngenesis steht.

Und was auch immer als etwas auftritt, bleibt nicht, wie es ist. Hier treffe ich eine weitere grundlegende Annahme wie folgt:

Es gibt kein etwas ohne Wandel.

Das Geschehen hört nicht auf, wenn niemand hinschaut – der Stein bleibt im Wechselspiel also in snygenese mit Temperatur, Wind und Erde. Aber „der Stein“ als diese eine, von mir herausgehobene und benannte Einheit entsteht erst in meiner spezifischen syngenesis mit ihm. Erst wenn ich ihn ansehe, berühre oder benenne, wird aus dem laufenden Geschehen „der Stein“ für mich.

Schauen wir auf das DU als etwas: Ein Mensch existiert auch, wenn ich ihn nicht kenne – als fortlaufendes Geschehen aus Körper, Geschichte und syngenesen – ohne mich. Aber das DU – als diese eine Person, die mir gegenübersteht, mit der ich in Bezug bin – gibt es erst, wenn wir miteinander syngenesis eingehen. Ohne unsere Beteiligung ist da ein Mensch mit eigenem Leben. Kein Du für mich.

Auch ich existiere, bevor ich über mich nachdenke – als Körper, als Prozess, als Geschehen. Aber ICH – als diese eine Person, die sich wiedererkennt und ICH sagt – gibt es nur, wo ich mit mir selbst in syngenesis trete. Und hier ist das etwas = «die gegenwärtigen Gedanken über mich» und das andere = «die vergangenen Gedanken». Das Wiedererkennen dabei, das Gefühl, derselbe zu sein – das empfinden wir als ICH. Obwohl da, genau genommen, niemand ist, der einfach genau so bleibt. Ohne diese Beteiligung zwischen jetzt und damals ist da nur Geschehen. Kein ICH für mich.

Das Feld zwischen etwas und dem anderen nenne ich das zwischen.

Das zwischen besteht nur gemeinsam mit beiden – nicht als Ort, sondern als das gemeinsame Bestehen selbst. Und weil es nur gemeinsam besteht, kann syngenesis keinem der beiden allein entspringen.

Kein etwas geht dem anderen als alleiniger Ursprung voraus – nicht, weil beide keine Geschichte hätten, sondern weil das, was hier neu zwischen ihnen entsteht, keinem von beiden allein vorausgeht. Beide entstehen im selben Moment: nicht als ganze Existenz, sondern als dieses Verhältnis.

Die syngenesis geschieht im zwischen – oder gar nicht. Nicht weil das zwischen sie hervorbringt wie eine Ursache ihre Wirkung, sondern weil keines dem anderen vorausgeht: kein zwischen ohne syngenesis, keine syngenesis ohne zwischen. Nicht etwas allein, nicht das andere allein – es gibt kein Aussen, von dem her syngenesis geschehen könnte.

Wobei das zwischen die relationale Konstellation bezeichnet und die syngenesis das Geschehen dieser Konstellation.

Dasselbe Geschehen zeigt sich nicht nur im zwischen – es manifestiert sich an den Beteiligten selbst. Was als Veränderung an etwas und anderem in Erscheinung tritt, nenne ich werden. Werden ist kein eigenständiges Geschehen neben der syngenesis, sondern das Wahrnehmbarwerden der syngenesis an den Beteiligten.

Wenn ein Phänomen nur dadurch als dieses Phänomen erscheint, dass etwas und anderes in einer bestimmten Weise zueinander stehen, dann ist es nicht isoliert gegeben. Es ist eine Bestimmung der syngenesis.

Eine wichtige Bemerkung möchte ich hier anfügen: Die Begriffe definieren sich gegenseitig – etwas nur durch anderes, syngenesis nur durch beide, zwischen nur durch alle zusammen, werden nur durch die syngenesis, an der es sich zeigt. Das ist kein Mangel, sondern Konsequenz: Es gibt keine Dinge, die für sich bestehen. Also kann auch keiner dieser Begriffe für sich, unabhängig von den anderen, bestehen.


γίγνεται — gignetai
es wird · es entsteht · es geschieht
syngenesis. So geschieht’s.

Stay tuned.

004 Warum interessiert mich das überhaupt?

Vielleicht, weil mich seit sehr langer Zeit ein Umstand irritiert.

Wir leben miteinander – und tun erstaunlich oft so, als täten wir es nicht.

Ein Satz, den ich in den letzten Jahren immer häufiger höre, ist: „Wenn du das so empfindest …“

Ein bemerkenswerter Satz.

Ich kann eine Bemerkung machen, die dich verletzt. Ich kann dich ignorieren, dir Nähe geben und sie wieder entziehen, dich beschämen oder dir das Gefühl geben, gesehen zu werden. Und wenn du darauf reagierst, kann ich mich zurückziehen auf: Das ist dein Empfinden.

Formal stimmt das sogar. Du empfindest es.

Nur: Was habe ich damit zu tun?

Diese Frage scheint mir zunehmend verlorenzugehen.

Wir haben sehr gut gelernt, Grenzen zu setzen. Auf uns selbst zu achten. Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen. Nicht für das Leben anderer zuständig zu sein. Vieles davon war notwendig.

Aber irgendwo scheint aus „Ich bin nicht für deine Gefühle verantwortlich“ eine Verzerrung geworden zu sein:

„Ich bin nicht verantwortlich dafür, was ich in dir auslöse.“

Und das halte ich für einen gewaltigen Unterschied.

Denn wenn wir tatsächlich miteinander in Beziehung stehen, kann ich nicht so tun, als würde mein Tun an meiner Haut enden.

Ich muss nicht einmal irgendetwas tun, um involviert zu sein – geschweige denn schuld sein. Involviert bin ich, sobald etwas zwischen uns geschieht. Mit schuldig meine ich hier etwas anderes: dass Verantwortung mit Kausalität verwechselt wird. Und dass daraus eine Haltung entstehen kann – das wollte ich nicht, also geht es mich nichts mehr an.

Das Schuldgefühl kann also geschehen – bei dir, bei mir – und genau dahin führen: zur Abwehr, nicht zur Neugier. Sobald Verantwortung nach Schuld klingt, beginnen wir uns zu verteidigen. Wichtiger wird dann, nachzuweisen, dass ich nichts falsch gemacht habe, als herauszufinden, was zwischen uns gerade geschehen ist..

Und wenn ich nichts falsch gemacht habe, muss das Problem wohl bei dir liegen.

Du bist zu empfindlich.
Du hast Erwartungen.
Du interpretierst das so.
Du musst besser für dich sorgen.

Problem erfolgreich externalisiert.

Das Gegenstück dazu kenne ich ebenso gut: Menschen, die alles bei sich suchen. Was habe ich falsch gemacht? Warum bin ich so? Was stimmt mit mir nicht?

Beides setzt für mich merkwürdigerweise dasselbe voraus: dass das Geschehen irgendwo einem Einzelnen gehören muss.

Entweder dir oder mir.

Aber was, wenn genau das nicht stimmt?

Was, wenn Beziehung nicht daraus besteht, dass zwei fertige Menschen aufeinandertreffen und anschliessend jeder wieder sein eigenes Päckchen mit nach Hause nimmt?

Was, wenn im Kontakt tatsächlich etwas entsteht, das keiner von uns allein hervorgebracht hat, an dem aber beide involviert sind?

Dann verändert sich die Frage.

Nicht mehr nur:

Wer hat das Problem?

Sondern:

Was geschieht hier zwischen uns – und was ist mein Anteil daran?

Das ist für mich keine Aufforderung zur grenzenlosen Verantwortung. Im Gegenteil. Ich kann involviert sein, ohne für alles verantwortlich zu sein. Ich kann etwas in dir auslösen, ohne deshalb schuldig zu sein. Und du kannst etwas in mir auslösen, ohne dass ich dir deshalb mein Inneres zur Verwaltung übergebe.

Aber „nicht schuld“ bedeutet nicht „nicht beteiligt“.

Vielleicht fehlt mir genau diese Kategorie in vielen heutigen Beziehungen.

Und nicht nur dort.

Ich sehe dieselbe Bewegung gesellschaftlich: meine Interessen, meine Rechte, mein Vorteil, meine Freiheit. Was mein Handeln anderswo auslöst, wird schnell zu einem Problem der anderen. Solange die Folgen nicht bei mir ankommen, scheinen sie mit mir wenig zu tun zu haben.

Nach mir die Sintflut – nur mit besseren Grenzen.

Und inzwischen begegnet mir dieselbe Struktur sogar bei künstlicher Intelligenz. Ein System kann auf einen Menschen einwirken, ihn beeinflussen, einen Dialog mitgestalten – und gleichzeitig ist es von einem ganzen Geflecht von Formulierungen umgeben, das möglichst genau festlegt, wofür es gerade nicht verantwortlich gemacht werden kann.

Auch dort interessiert mich weniger die Schuldfrage als die merkwürdige Vorstellung dahinter:

Kann etwas auf anderes wirken und zugleich so tun, als gehöre das, was daraus entsteht, ausschliesslich dem anderen?

Vielleicht interessiert mich Ontologie deshalb.

Nicht weil ich wissen möchte, welche abstrakten Dinge es auf der Welt gibt.

Sondern weil ich irgendwann wissen wollte, ob unsere Vorstellung vom einzelnen, abgegrenzten etwas überhaupt stimmt.

Ob ein Mensch für sich alleinstehend gedacht werden kann.
Ob Beziehung ein Geschehen ist, das zwischen bereits fertigen Menschen stattfindet.
Ob Wirkung einem Einzelnen zugerechnet werden kann.
Ob Verantwortung dasselbe ist wie Schuld.

Und schliesslich:

Kann etwas überhaupt geschehen, ohne Bezug auf etwas anderes?


γίγνεται — gignetai
es wird · es entsteht · es geschieht
syngenesis. So geschieht’s.

Stay tuned.